Sonntag, 19. Juli 2009

Wie sage ich es meinem Kinde?

Ein Sultan hatte geträumt, er verliere alle Zähne. Gleich nach dem Erwachen fragte er einen Traumdeuter nach dem Sinn des Traumes. »Ach, welch ein Unglück, Herr!« rief dieser aus. »jeder verlorene Zahn bedeutet den Verlust eines deiner Angehörigen!« »Was, du frecher Kerl«, schrie ihn der Sultan wütend an, »was wagst du mir zu sagen? Fort mit dir!« Und er gab den Befehl: »Fünfzig Stockschläge für diesen Unverschämten!«

Ein anderer Traumdeuter wurde gerufen und vor den Sultan geführt. Als er den Traum erfahren hatte, rief er: »Welch ein Glück! Welch ein großes Glück! Unser Herr wird alle die Seinen überleben!« Da heiterte sich des Sultans Gesicht auf, und er sagte: »Ich danke dir, mein Freund. Gehe sogleich mit meinem Schatzmeister und lasse dir von ihm fünfzig Goldstücke geben!«

Auf dem Weg sagte der Schatzmeister zu ihm: »Du hast den Traum des Sultans doch nicht anders gedeutet als der erste Traumdeuter!«

Mit schlauem Lächeln erwiderte der kluge Mann: »Merke dir, man kann vieles sagen; es kommt nur darauf an, wie man es sagt!«
(Aus: Willi Hofsümmer, Kurzgeschichten, 3, Nr. 141)

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