Dienstag, 15. September 2009

Älter werden - Alt sein

Ältere Menschen sind jünger geworden. Finden Sie nicht auch? Sie kleiden sich anders und haben andere Einstellungen als ihre Altersgenossen von vor 30 Jahren, sie stehen noch mitten im Leben und packen mit an. Sie selbst würden sich nicht als alt bezeichnen, sie erschrecken vielleicht sogar ein bißchen vor dieser Bezeichnung. Wie ist das so mit dem Älterwerden? Und mit dem Altsein? Nachfolgend finden Sie hier einige Texte und Gestaltungsbausteine, die Mut machen möchten, diesen Teil des Lebens aktiv anzunehmen.

Was mir im Alter wertvoll ist.
Von Bischof Joachim Wanke

1. Unterbrechen können

Wa mir als älterem Menschen mehr und mehr widerwärtig wird: die Überflutung mit Nachrichten, mit Unterhaltung, mit nutzlosen Informationen. Gerade das, was sich laut aufdrängt, wovon es heißt: "Das ist wichtig!" "Das musst Du mitbekommen!" "Hast du das schon gesehen?" – das macht mich zunehmend skeptisch.

Ich merke, dass ich Freude daran gewinne, Zeit zu haben, mich von aufdringlicher Kommunikation zu "entkabeln". Es ist für mich ein Geschenk, Zeit für mich und Zeit für Menschen an meiner Seite zu gewinnen. Hören, Zuhören und Nachdenken können werden mir wichtiger als früher. Vielleicht hängt das auch mit meinem Beruf zusammen. Anderen, die in öffentlicher Verantwortung stehen, mag es ähnlich ergehen.

Was mir wertvoll ist: Ganz bei mir sein zu können, einen Raum der Stille zu haben, mich "entkabeln" zu können.

2. Beleuchten können

Ich frage mich jetzt häufiger als früher: Brauchst Du das wirklich? Ist das sinnvoll (noch) zu kaufen? Ab und zu kommt mir die Frage in den Sinn: "Steht dir das?" Das hängt mit einer Erinnerung an eine kleine Begebenheit in einem Warenhaus zusammen. Die Frau, die sich ein Kostüm ausgesucht hatte, verschwand plötzlich damit, freilich nur um ihr Kostüm vor der Tür im Tageslicht anzuschauen. "Was kleidet mich?" - Das ist für mich eine "Wurm-Frage" geworden. Die Antwort gibt es nur bei der richtigen Beleuchtung. Im Alter merke ich, wie entscheidend es ist, das eigene Leben "von oben" beleuchten zu können.


Die Vergangenheit wird im Alter wichtiger. Das mag für das Älter-Werden typisch sein. "Weißt Du noch... damals?" Man muss aufpassen, damit anderen nicht lästig zu werden. Aber was auch als Fähigkeit wächst: Tiefenbohrungen "an Ort und Stelle" machen zu können. Das Geschenk eines guten Gesprächs, die Erfahrung von Schönheit in der Natur, Situationen, Augenblicke, die eine tiefe Glückserfahrung schenken, obwohl scheinbar nicht viel passiert, das häuft sich im Alter. Oder ist man nur aufmerksamer als früher? ... Die Wirklichkeit wird weiter, obwohl man im räumlichen Sinn weniger beweglich ist.

Was mir wertvoll ist: Etwas langsamer, dafür aber nachhaltiger "genießen" zu können; die Freude, wenn sich etwas scheinbar Bekanntes neu bzw. tiefer erschließt. Der Geschmack an einer Qualität, die von innen (oder wenn man will: von oben) kommt.

3. Anknüpfen können

Was ich wohl wie alle älteren Menschen erfahre: Das Nachlassen der leiblichen Kräfte. Es ist ein bleibendes metaphysisches Ärgernis, von Materie abhängig zu sein. Dazu kommt die Erfahrung, gezeigt zu bekommen, weniger wichtig zu sein. Gefragt sind die Jungen, die Dynamischen, die Macher. Auch steigt hie und da schon einmal die Angst auf, in Krankheit und Sterben allein bleiben zu müssen. Die innere Anfechtung "Das soll alles gewesen sein?" bleibt auch den Frommen nicht erspart.

Solche Bitterkeiten und Ängste gehören wohl zu den Gefahren des Alters. Ich mache die Erfahrung, dass mir die Wiederholung hilft und Sicherheit gibt. Damit meine ich die Alltagsrituale (des geregelten Tages) bis hin zu den liturgischen Ritualen, in denen die Seele sich festmachen kann. Dort kann ich immer neu anknüpfen und innerlich dankbar bleiben. Mir ist die Gabe, an Alltägliches, Wiederholbares anknüpfen zu können, wichtig geworden. Den Rosenkranz habe ich wieder im Alter entdeckt. Manchmal bekomme ich beim Halten vor einer Verkehrsampel Gott in den Blick: Herr, du zeigst mir jetzt Rot, aber das Gelb wird folgen und dann wieder Grün. Die Alltagserfahrungen fangen manchmal zu sprechen an. Wenn ich im Dunklen in den Städten und Dörfern an beleuchteten Wohnungen vorbeifahre, gehen meine Gedanken und Gebete hin zu den Menschen in ihren unterschiedlichen Schicksalen. Ich möchte dieses Gebet nennen: das Gebet des Schauens und des Sich-Anschauen-Lassens. Der Pfarrer von Ars hat diese Gabe bei einem einfachen Landmann entdeckt, der lange in der Kirche vor dem Gekreuzigten verweilte. Auf die Frage, was er da so lange tue, habe dieser geantwortet: "Er schaut mich an und ich schaue ihn an!"

Was mir wertvoll ist: Das Leben selbst meditieren zu können. Die Fähigkeit, versteckte Hinweisschilder auf die Gottesgegenwart zu entdecken. Die Gabe, die Vorläufigkeit als Verheißung erkennen, nicht nur als Mangel. Die Freude an einer Einfachheit, die ihre eigene Schönheit hat.

4. Loslassen können

Was im Leben an Faszination verliert: viele Dinge zu haben. Das ist wohl der ausgeprägteste Trieb im Menschen, haben und festhalten zu wollen. Es gehört zur Gnade des Alters, nichts unbedingt und um jeden Preis festhalten zu müssen, etwa auch gefragter Star sein zu wollen oder von anderen für wichtig gehalten zu werden.

Irgendwie wächst bei mir die Neugier, wie ich von Gott geführt werde. Es fällt einem als älterem Menschen leichter, von Podesten herabzusteigen. Ich möchte den Humor und die Selbstironie haben und festhalten können, die Thomas Morus noch auf dem Schafott hatte, als er seinen Bart vor dem Schwertstreich des Henkers mit der Bemerkung schützte: "Der hat ja keinen Hochverrat begangen!"

Es ist sicher eine Gnadengabe, innerlich die Sehnsucht nach dem "Mehr", dem magis zu behalten. Ich kenne ältere Menschen, in deren Nähe man aufatmen kann, denen man nichts bringen muss, sondern von denen man beschenkt weggeht. Vielleicht fällt es im Alter auch leichter, nicht auf Begeisterung angewiesen zu sein. Natürlich gibt es auch den Zweifel, die Anfechtung. Der Glaube an Gott und seine Verheißungen wird "winterlicher" (wie einmal Reinhold Schneider formulierte). Aber es gibt auch ab und zu die Gnade zu erkennen, dass man durch Leiden wachsen kann. Aber vielleicht kann man das erst im Alter begreifen.

Was mir wertvoll ist: Das Vertrauen auf das Gelingen des Lebens festzuhalten und gelassen bleiben zu können, nicht zuletzt durch die Erfahrung, loslassen zu können (manchmal auch zu müssen).

5. Bejahen können

Im Alter entdecke ich mehr als früher, dass es im Leben auf nur Weniges ankommt. Man kann das verschieden ausdrücken. Ich spüre: Die größte Tat des Menschen ist es, sich selbst zu bejahen, sein Leben – so wie es ist, so wie es war. Ein Mediziner berichtete, wie er einmal bei einem Gespräch einer sterbenden Frau mit ihrem untröstlichen Ehemann, der Gott und die Welt anklagte, die Antwort der Sterbenden hörte: "Ich verstehe Gott auch nicht, aber ich stimme ihm zu." Diese Kraft der Zustimmung ist in mir am Wachsen. Aber es gibt da wohl auch bis zuletzt ein Auf und Ab. Gott ist ein geduldiger Lehrer. Ich erinnere mich: Bei unserem älter gewordenen Dogmatiker in der Zeit der theologischen Ausbildung wurde der liebe Gott immer gütiger. Vielleicht versteht man erst im Alter voll und ganz das Geheimnis der Menschwerdung Gottes.

Ich entdecke als mir wertvoll die wachsende Fähigkeit, sich am Konkreten zu freuen, das kleine Licht anzuzünden und sich an ihm auf zu erbauen, statt über die große Dunkelheit zu jammern. Im Alter fällt es leichter, kritisch gegenüber allem Ideologischen zu sein (nicht nur in der Welt, auch in der Kirche). Irgendwie kommen einem die "großen Worte" nicht mehr so schnell über die Lippen. Das Alter schenkt mir Luft, mir Zeit zu lassen und anderen Zeit zu geben, diese Kraft zur "Zustimmung" aufzubringen. Vielleicht ist das ganze geistliche Leben als Christ am besten als Bild einer sich wandelnden, aber reifenden Freundschaft zu verstehen. Ein Freund sagte mir nach seiner Silberhochzeit: Ich merke immer mehr, dass nicht ich geheiratet habe, sondern dass ich geheiratet wurde.

Was mir wertvoll ist: Im Glauben das Ja und das Amen zu meinem Leben sagen zu können; die Erfahrung, nicht immer nur tragen zu müssen, sondern getragen und angenommen zu sein.

Statement von Bischof Wanke anlässlich des Katholischen Senioren-Forums der Diözese Würzburg am 16. Februar 2008. Quelle: www.bistum-erfurt.de



Gebet über das älter werden


Herr, Du weißt es besser als ich, dass ich von zu Tag zu Tag älter,
und eines Tages alt sein werde.


Bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit
und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.
Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,
hilfreich, aber nicht diktatorisch zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung an Weisheit tut es mir ja leid,

sie nicht weiterzugeben, aber Du verstehst, Herr,

dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Lehr mich zu schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden,

sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen
anderer mit Freude anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.


Ich wage es auch nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten –
nur um
etwas mehr Bescheidenheit und etwas weniger Bestimmtheit,
wenn mein Gedächtnis nicht mit dem der anderen übereinstimmt.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Ich weiß, dass ich nicht unbedingt ein Heiliger bin,

aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.


Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,

und verleihe mir, Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.


Teresa von Avila
(1515-1582, Gründerin der Karmelitinnen)


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