Montag, 9. November 2009

Martinszug in Burg Reuland und in Thommen

In Burg Reuland versammeln sich die Kinder mit ihren Eltern am Dienstag, 10. November vor dem Kulturhaus zum Martinsumzug. Vom Kulturhaus geht es zur Kirche. Dort ist eine kurze Feier vorgesehen. Danach zieht der Hl. Martin mit Gefolge zur Burg, wo das Martinsfeuer brennt und die "Wecken" an die Kinder verteilt werden.

In Thommen findet die Feier am Freitag, 13. November, um 19,30 Uhr, in der Kirche statt.



Martin, mach keine halben Sachen!

Wir feiern am 11. November einen Heiligen, der beim ersten Hinsehen nicht alles gab: Martin von Tours gab nur den halben Mantel. Er teilte das kostbare warme Textil in zwei Hälften: eine für dich, du Armer; aber eine behalte ich für mich.


Das bekannteste moderne Martinsgedicht - es stammt von Ilse Aichinger - ist entsprechend bissig-kritisch. Es lautet:

Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel
und laß dein Schwert,wo es ist,

gib mir den ganzen.


Ilse Aichinger, Verschenkter Rat,
(c) S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1978


Die Dichterin legt ihre Worte dem Bettler in den Mund. Martin, steig ab vom Ross, lass die Waffe stecken, gib mir den ganzen Mantel. Mache keine halben Sachen.

Warum rückte er nur die Hälfte heraus? Darf man von einem Heiligen nicht ganze, radikale Gesten erwarten? Antwort: Weil er sonst auch gefroren hätte. Martin hat wohl überlegt, warum er mit dem Schwert teilte. Die Hälften des Mantels, sie nutzen jedem. Wenn jeder teilt, was er hat, dann werden alle satt. Er muss auch an sich, seine Gesundheit als Soldat denken. Es war so kalt, was hilft uns ein erkälteter Heiliger? Liebe ist nicht Leichtsinnigkeit. Ich darf mich nicht aufgeben, mich nicht völlig selbst vergessen und meine Lebensenergie nicht vergeuden. Ich darf nicht übertreiben, ich muss "maßvoll" bleiben.

Das wäre eine Antwort auf die Frage, warum Martin nur den halben Mantel gab. Liebe und Vernunft sind verwandt. Keine Extreme, wohlüberlegt schenken und teilen. Sich dabei selbst nicht vergessen. Nächstenliebe und Selbstliebe und Gottesliebe: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ... Hatte aber Martin in dem Augenblick Zeit, sich solche theologischen Gedanken zu machen? Manchmal hat man gar keine Zeit, man muss reagieren, so oder so. Blitzschnell. Jetzt oder nie!

Eine zweite denkbare Antwort: Er wollte etwas als Andenken behalten. Etwas in der Hand behalten, das ihn an diese Stunde, seine Schlüsselstunde erinnert. Ich weiß nicht, ob und wie er die zweite Mantelhälfte aufbewahrt hat. Sie ist ein Heiligtum geworden, das größte Heiligtum Frankreichs, die wichtigste Reliquie der Liebe: sancta cappa - für die Mantelkirche, Saint Chapelle. Ja, hätte er alles gegeben, dann wäre der Bettler mit dem Ganzen seine Wege gezogen und der Kirche fehlte die Erinnerung an die Liebestat.

Eine dritte Antwort: Er konnte nur eine Hälfte geben, weil er mehr nicht herausrücken durfte. Der Mantel gehörte dem Soldaten des Kaisers nur zur Hälfte, der andere Teil war Besitz des Kaisers, des Staates, der Kleiderkammer seiner Einheit. Und darum gab Martin alles, was er hatte und geben konnte. Er gab seinen Teil - als loyaler Soldat und als Christ.

Eine vierte schöne Antwort: Er gab nur die Hälfte, weil es ihm und Christus auf das Teilen ankommt, auf diese Geste des Halbierens, Zerbrechens; so wie es in jeder heiligen Messe mit der Hostie geschieht, dem heiligen Brot, das sich in der Runde verteilt. Auf diese Zeichenhandlung kam es Martin an. Und dazu musste er die Schönheit eines unversehrten Mantels opfern.

Es gibt noch eine andere Antwort. Und sie hat mit dem heutigen 11. 11. zu tun. Heute beginnt die 5. Jahreszeit. Die Narren übernehmen das Regiment, eine verrückte, verkehrte, durchgedrehte Welt. Dem Bettler hilft der halbe Mantel. Er wärmt ihn und macht ihn schön. Er darf sich wie ein Offizier verkleiden. Martin macht einen völlig Unbekannten und Unansehnlichen schön. Er schenkt ihm Ansehen, befördert ihn. Doch einen stolzen Soldaten der kaiserlichen Armee verunstaltet ein halber Mantel. Der ist nur noch ein Lumpen, reif für die Altkleidersammlung. Soldaten achten aufs Äußere oder ihre Vorgesetzten tun das, auf blanke Litzen und geputzte Stiefel. Martin war nicht allein. Kameraden, Zuschauer waren dabei. "Da lachten einige von den Umstehenden, weil er mit seinem zerschnittenen Mantel sehr hässlich aussah", heißt es im Bericht des Biographen Sulpicius Severus. Der zerschnittene Umhang macht Martin zum Narren, zum Clown, zur Karikatur eines stolzen Soldaten.

Auch Christus wird zum Spottkönig, in einen Purpurmantel gehüllt. Martin weiß: Er wird "unmöglich" aussehen. Bewusst setzt er sein Aussehen und Ansehen aufs Spiel. Darum gilt auch für Martin: Ich mache keine halben Sachen. Ich schenke nicht mit halbem Herzen, sondern aus vollem Herzen. Die Liebe trägt auch halbe Mäntel. Das in den Augen der Welt Lächerliche ist in den Augen Jesu das Gute.

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