Montag, 7. Dezember 2009

Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde (Spr 29,18)


Die Unwissenheit einer Mönchsgemeinschaft
Von einer Mönchsgemeinschaft wird erzählt: Es war einmal ein Kloster, in dem nur noch sehr wenige Mönche lebten. Es kamen auch nur noch wenige Menschen, um sich von dem Gebet dort Kraft für ihr Leben und ihren Glauben zu holen. Die Mönche wanderten langsam durch die Kreuzgänge und priesen Gott mit schwerem Herzen.

Da fasste der Abt eines Tages einen Entschluß. Er ging zu dem Einsiedler, der am Rande des Klosterwaldes wohnte. Der Einsiedler bat ihn in seine Hütte und wies ihm einen Platz, sich zu setzen. Der Abt tat wie ihm geheißen, doch dann hielt er es nicht mehr länger aus und klagte dem Alten all sein Leid.

„Du hast wirklich eine schwere Last zu tragen“, sagte der Einsiedler, „die Last der Unwissenheit“. Der Abt war erstaunt, doch der Andere fuhr fort. „Du hast es noch nicht bemerkt: In eurer Mitte ist der Messias. Er ist nur verkleidet“. Es war eine Weile still. „Geh jetzt“, sagte der Einsiedler.
Da eilte der Abt schnellen Schrittes ins Kloster zurück und erzählte seinen Brüdern von dem Gespräch.

Die Mönche schauten sich an: „Der Messias unter uns? Wer ist es? Vielleicht Bruder Gabriel oder Bruder Josephus? Aber wen sie auch betrachteten, alle hatten sie ihre Fehler. Der eine sprach dem Weine zu, der andere war faul. Wenn nun aber die Unzulänglichkeit und Schwäche die Verkleidung ist, unter der der Messias verborgen wäre?
Die Mönche sahen sich plötzlich mit neuen Augen, ja, sie bekamen eine ganz andere Art des Umgangs miteinander: ehrfürchtig, aufmerksam und liebevoll. Das sprach sich herum und plötzlich kamen auch wieder Menschen und mochten hier neue Kraft schöpfen. Schließlich baten sogar junge Männer, in das Kloster eintreten zu dürfen.


Die gemeinsame Vision - Herzstück jeder Gemeinschaft

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann beten sie noch heute“, möchte man etwas abschätzig hinzufügen. So märchenhaft, so erfunden wirkt die Geschichte. Gleichzeitig bringt sie auf den Punkt, was der Satz aus dem Buch der Sprichwörter meint: „Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde.“ Wenn die gemeinsame Leitidee verloren geht, kommt das Herz einer Gemeinschaft aus dem Rhythmus. Die Beteiligten sind nicht mehr miteinander im Einklang, die Attraktivität geht verloren. Dann verkehrt sich der Sinn des Miteinanders ins Gegenteil, die gemeinsamen Lebensvollzüge werden kontraproduktiv: „Sie lob- ten Gott mit schwerem Herzen“, lesen wir in der Geschichte. Das ist der Widerspruch in sich. Der Fehler wird zum Ganzen. Er ist nicht mehr die Ver- kleidung, sondern wird zum Inhalt. Und die Gemeinschaft, das Volk, dem dies widerfährt, geht zugrunde.


Deutung der Geschichte Israels

Dieses Bibelwort stammt aus den ältesten Schichten des Buches der Sprichwörter. Es geht nach Auskunft der Kenner in die Zeit König Salomos zurück. Damals hatte das Reich Israel seine größte Ausdehnung und die Verantwortlichen des Volkes fingen an, in Prunk und Diplomatie und nicht in den Offenbarungen Gottes die einende Kraft des Reiches zu suchen. Hier beginnt die Entwicklung, die in die Katastrophe des babylonischen Exils führt: das Volk ist ohne Visionen von Gott, ohne "Schauungen", wie Martin Buber übersetzt. Dem Volk fehlt der gemeinsame Blick in die gleiche Richtung. Jeder versucht, nach seiner Facon selig zu werden und der "rechte Zug", der einander eint und mitreißt, ist abhanden gekommen.


Pfarr-
gemeinden brauchen ein Profil


Im Lauf der Geschichte sind ganz unterschiedliche Visionen verfolgt worden. Die Römer hatten die Vision von der Weltherrschaft, die Nationalsozialisten die Idee vom Tausendjährigen Reich. Heute entwickeln Unternehmen ihre Vision, Politiker entwerfen Leitideen. Auch manche Christengemeinden suchen nach Leitbildern für sich und ihr Handeln. Sie spüren, wie aktuell das salomonische Sprichwort ist: Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde.

Auf einem Besinnungswochenende wurden in Kleingruppen Mitglieder eines Pfarrgemeinderates angeleitet, mit der Bibel in der Hand eine Vision für ihre Gemeinde am Ort zu malen und mit einer knappen Überschrift zu versehen. „Gemeinsam unterwegs zum Licht“ hieß am Ende ein Bild, oder: „Unter einem Dach ist für alle Platz.“ Auf einem dritten faßte sich eine bunte Menschenkette um eine brennende Kerze herum an den Händen: „Wir gehören zusammen vor Gott“ stand darüber.

Von diesen Visionen her setzten sich die Pfarrgemeinderatsmitglieder dann konkrete Ziele für ihre Arbeit in den nächsten Monaten. Nach einem Jahr wurde Rückschau gehalten und siehe da: ein Besuchs- und Informations- dienst für Neuzugezogene war entstanden, zwei Frauen wagten es, aus den Firmlingen dieses Jahrgangs eine jugendgruppe aufzubauen. Der Pfarrbrief war informativer und persönlicher geworden, und einige Männer und eine Frau hatten sich motivieren lassen, die Leitung von Wortgottesdiensten zu übernehmen. Die Beteiligten freuten sich selbst über den Aufschwung, den das Leben in ihrer Gemeinde genommen hatte.


Das Sprichwort läßt sich umkehren

Es war ähnlich wie bei der Mönchs-
gemeinschaft: die Visionen hatten das Miteinander an die Wurzeln zurückgeführt und die Gemeinschaft hatte daraus Anziehungskraft und Begeisterung gewonnen.

So läßt sich das alte Sprichwort offensichtlich auch umkehren: Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde. Eine Gemeinde mit Visionen hat Zukunft.

Hans Huber, in: Franz-Josef Ortkemper (Hrsg.), Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, Kath. Bibelwerk, Stuttgart 1996, S. 101-103.

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