Sonntag, 20. Dezember 2009

Josef, der Mann im Hintergrund

Ich möchte heute einen Mann vorstellen, dem in dieser Adventszeit und ebenso in der Weihnachtszeit zwar eine große Bedeutung zukommt, der aber kaum beachtet wird: Josef von Nazaret, Mann der Maria und Pflegevater von Jesus.

Er soll selber zu Wort kommen,um über wichtige Etappen seines Lebens zu berichten. Josef hatte Pläne für sein Leben geschmiedet (wer tut das nicht), aber dann kam alles ganz anders. Josef: “Ihr wisst ja, ich bin ein einfacher Mann. Ich bin keiner, der verrückte Träume hat. Ich träumte nie vom großen Glück. Meine Pläne waren bescheiden. Natürlich wollte ich heiraten und eine Familie gründen. Ich wollte Kinder haben, viele Kinder, wie es bei uns so Brauch ist. Ein Haus ohne Kinderlachen ist ein trauriges Haus. Ich wollte ein guter Ehemann sein und ein guter Vater. Ich wollte nie auffallen, nie zum Gesprächsthema der anderen werden. Ich wäre selig geworden mit meinem kleinen Glück. Aber dann ist plötzlich alles ganz anders gekommen, anders als ich es mir je geträumt habe.“

Also nun mal ehrlich: Geht es uns nicht manchmal genau so? Wir haben Wünsche, Träume ... Und plötzlich kommt es anders. Josef: “Eigentlich lief alles wie am Schnürchen. Ich lernte Maria kennen. Sie lebte auch bei uns in Nazaret. Zuerst hatte ich gar keinen Blick für sie. Sie war eine von vielen. Aber dann, eines Tages, ich weiß bis heute noch nicht wie es geschah, da spürte ich: Maria, das ist die Frau für mich. Mit Maria konnte ich mir vorstellen, alt zu werden. Und was das Schönste daran war, auch Maria begann sich für mich zu interessieren. Sie erwiderte meine Zuneigung. Als wir uns sicher waren, da verlobten wir uns. Wir wollten heiraten, eine gemeinsame Zukunft bauen. Doch plötzlich sagte Maria mir, dass sie ein Kind erwartet - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Wie konnte sie ein Kind erwarten, wo wir doch noch nicht beieinander waren? Wer war der Vater des Kindes, wenn ich es nicht war? Was meinte sie mit den Worten "durch das Wirken des Heiligen Geistes"? Tag und Nacht konnte ich an nichts anderes mehr denken. Mit einem Schlag waren alle meine Träume geplatzt.“

Jeden Tag passiert das: Träume platzen. Alles läuft so gut in meinem Leben, auf einmal, von heute auf morgen verliere ich meine Arbeitsstelle, habe plötzlich weniger Einkommen oder eine Krankheit stellt sich ein. Mit all dem hatte ich nicht gerechnet. Lassen wir Josef weiter erzählen: „Als ich von Maria erfahren habe, dass sie ein Kind erwartet, war mir klar: Ich will Maria und ihrem Kind nicht im Weg stehen. Sie bloßstellen, sie in aller Öffentlichkeit vorführen, ihr Geheimnis an die große Glocke hängen, wollte ich nicht. Natürlich spürte ich in meinem Herzen auch andere Gedanken aufsteigen und sich einschleichen. Das lasse ich mir nicht gefallen! Der Sache gehe ich nach bis auf den Grund! Das will ich genau wissen! Das klären wir vor Gericht! Ich fordere Gerechtigkeit! So schnell gibt ein Mann aus dem Hause Davids nicht nach! Nicht mit mir, dem Zimmermann!
Von ähnlichen Fällen wusste ich, dass es Gesetze und Verordnungen gab, die auf meiner Seite waren. Eine Frau, die verlobt war und ein Kind erwartete, ohne dass sie mit ihrem Mann zusammenlebte, konnte jederzeit verstoßen werden. Im schlimmsten Fall drohte ihr die Todesstrafe durch Steinigung.
Aber ich liebte Maria und ich vertraute ihr. Ich war mir sicher, das alles seine Richtigkeit hatte. Ich wusste, sie macht mir nichts vor und betrügt mich nicht. Sie war durch und durch aufrichtig. Wenn sie sagt, dass sie das Kind durch das Wirken des Heiligen Geistes bekommen hat, dann war das so. Auch wenn ich, Josef von Nazaret, einfacher Zimmermann, dieses Wirken des Heiligen Geistes in diesem Augenblick nicht verstehen konnte. Später wurde mir manches klarer. Aber damals war es für mich unbegreiflich. Vielleicht versteht ihr mich jetzt besser. Maria an den Pranger stellen, mich an Maria rächen, Maria mit Schimpf und Schande in der Öffentlichkeit bloßstellen - das alles kam für mich nicht in Frage. Das einzige, was in Frage kam, war. - Wie kann ich ihr am Besten helfen? Deshalb und nur deshalb habe ich überlegt, mich in aller Stille von ihr zu trennen.“

Wir Menschen reden viel den lieben langen Tag. Ob das immer notwendig ist? Es wäre sicher manchmal besser, wir würden uns Schweigen auferlegen, wie Josef, besonders wenn es um persönliche Dinge anderer Menschen geht. Josefs Entschluss stand fest. Er wollte sich von Maria trennen. Da geschah etwas Ungewöhnliches. Josef: „Ich habe also beschlossen, mich von Maria zu trennen. Ich habe mir die nötigen Worte zurecht gelegt. Lange habe ich hin und her überlegt. Was will ich ihr sagen? Wie will ich es ihr sagen? Immer wieder habe ich mir die Sache durch den Kopfgehen lassen. Auch an jenem Abend, als mir auf einmal vor Müdigkeit die Augen zufielen und ich einschlief Ich träumte, ein Engel Gottes war plötzlich bei mir und sagte : ‘ Josef Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen, denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären, ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.‘ Und wie wenn der Engel mich und meine Begriffsstutzigkeit kennen würde, begann er, mir mit Zitaten aus der Heiligen Schrift seine Botschaft zu belegen. ‘Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns.‘ Ich kannte diese Stelle aus dem Buch Jesaja. Oft schon hatte ich sie in der Synagoge gehört.

Auf einmal war ich wach, hellwach. Ich wusste plötzlich, was ich zu tun hatte. Meine Zweifel waren weggewischt.
Ohne große Worte tat ich, was der Engel des Herrn mir befohlen hatte. Ich nahm Maria zu mir und sorgte zuerst für sie und dann auch für das Kind. Meine ganze Kraft, meine ganze Seele und mein ganzes Herz, alles was eigentlich unserem Gott vorbehalten ist, galt von jetzt ab Maria und dem Kind, das sie erwartete.

Ob ich noch öfters Träume hatte? Ja, sicher hatte ich noch oft Träume - ganz gewöhnliche!
Allerdings hatte ich dazwischen auch noch einige besondere Träume. Wenn ich es mir genau überlege, dann waren es noch zwei Träume, in denen der Engel Gottes für mich eine Botschaft hatte. Als die Sterndeuter, die dem Kind und seiner Mutter ihre Aufwartung machten, wieder gegangen waren, und als Herodes alles daransetzte das Kind zu töten, da befahl mir der Engel, das Kind und Maria in Ägypten in Sicherheit zu bringen. Als Herodes gestorben war, erschien mir der Engel ein letztes Mal und führte uns zurück in das Land Israel.“

„Träume sind Schäume!“ sagen manche Menschen ganz verächtlich. „Du Träumer!“ Dieser Vorwurf klingt fast schlimmer als ein Schimpfwort. Dabei sind Träume etwas ganz Wichtiges. Träume öffnen uns die Augen des Herzens. Sie bringen an die Oberfläche, was wir in unserem Unterbewusstsein ahnen. Natürlich ist nicht jeder Traum bedeutend. Daher brauche ich mir auch nicht über jeden Traum den Kopf zu zerbrechen. Und trotzdem sollten wir auf unsere Träume achten. Vielleicht enthalten sie ja eine Botschaft für uns, die uns in unserem Leben weiterhilft.

Noch einmal wollen wir Josef zu Wort kommen lassen: „Habt ihr bei euch zu Hause auch eine Krippe? Zum Weihnachtsfest werden in vielen Häusern Krippen aufgestellt. Liebevoll wird die Geburt von Jesus nachgestellt. Mal sind es Figuren aus Holz, mal aus Wachs, mal aus Stoff die das Geschehen von damals nachstellen. Ich freue mich darüber, denn das Geheimnis der Weihnacht lässt sich nicht nur über den Verstand begreifen. Weihnachten muss man riechen und fühlen, hören und sehen. Weihnachten muss man mit allen Sinnen empfinden.

Manchmal bin ich jedoch auch ein wenig traurig über die Rolle, die mir, dem Josef zugedacht ist. Nicht selten stehe ich etwas gebückt, auf meinen Stab gestützt, untätig ein wenig Abseits. Es scheint so, als ginge mich das Ganze nichts an. Wenn ich aber an die erste Heilige Nacht zurückdenke, dann hatte ich alles andere als Zeit zum Nichtstun. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das bei der Geburt von Jesus auf und zu ging. Der Evangelist Lukas deutet es in seiner Erzählung nur an. Zuerst die Aufregung: Von einem Haus zum anderen sind wir in Betlehm gegangen. Eine Absage nach der anderen haben wir uns eingeholt. Immer wieder flammte ein wenig Hoffnung auf. ‘Du, Maria, da könnten wir auch noch anklopfen, die lassen uns bestimmt nicht im Stich.‘ Und dann wieder eine Absage. Für mich, einen Mann aus dem Hause Davids, waren das harte Stunden. Wir wurden ausgestoßen von den eigenen Stammes-
genossen. Und es blieb doch nicht mehr viel Zeit. Maria hatte doch schon ihre ersten Wehen. Das Kind drängte zur Welt.
Und dann der Stall. Wenigstens hatten wir ein Dach über dem Kopf. Es war dank der Tiere warm. Mit Stroh und Heu schüttete ich für Maria eine Art Bett auf damit sie wenigstens gut liegen konnte. Aber für eine Geburt fehlten die notwendigsten Dinge. Ich musste schauen, wo ich frisches Wasser herbekam. Ich benötigte eine kleine Feuerstelle, um das Wasser abkochen zu können. Ich musste schauen, dass die Tiere Maria in Ruhe ließen. Ich hätte sechs und mehr Hände in diesen Stunden gebraucht. Und immer wieder nach Maria schauen, sie in den Arm nehmen, ihr beistehen in ihren Schmerzen, ihr Wärme und Geborgenheit schenken, ihr den Schweiß von der Stirn trocknen, ihr einen Becher mit Wasser reichen, einen Schluck Milch zu Stärkung.
Dass ich überfordert war, das durfte ich nicht zeigen. Kinderkriegen ist Frauensache. Wie das so abläuft, davon hatte ich ja keine Ahnung. Ich hatte Angst, ob alles gut wird. Ich zitterte um das Leben von Maria. Ich bangte um das Leben des Kindes. Und dann war plötzlich alles vorbei. Der erste Schrei. Es lebt! Oh ja! Alles ist gut! Und als das Kind dann zum ersten mal in den Armen seiner Mutter lag, da spürte ich, wie meine Kräfte plötzlich am Ende waren. Ich weiß nicht, wie lange ich erschöpft mit Maria und dem Kind einfach so da lag, ohne Kraft, aber glücklich und dankbar, dass Gott uns auf seine Weise nicht im Stich gelassen hat. Könnt ihr jetzt verstehen, warum ich manchmal traurig bin, wenn ich in so mancher Krippe unnütz im Hintergrund stehe? (Text und Idee sind entnommen aus: „Unser Weg durch die Adventszeit 2001“, Kath. Landvolkbewegung Bayern (Hrsg.).

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