Mittwoch, 2. Dezember 2009

Trostworte die zu Herzen gehen - Wort Gottes für den Tag, Donnerstag, 3. Dezember 2009

Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihr Frondienst zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden. Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen. (Jes 40,1-5)

Trostlosigkeit
Da sind Menschen in trostloser Situation - das Volk Israel im Exil in Babylon. Alles hat es verloren, was das Leben bisher getragen hat: die Heimat, den überlieferten Glauben, die eigene Identität, Gott selbst. Als ausgebrannte Ruine fühlt es sich, von Gott und der Welt verlassen, müde, matt, ohne Schwung, ohne Lebenskraft, äußerlich und innerlich verwüstet, in lähmende Depression verfallen. Die trostlose, depressive Stimmungslage, die auch uns und unsere Zeit bisweilen befällt, entspricht ungefähr der des folgenden traurigen Märchens:

"Es war einmal ein armes Kind, das hatte keinen Vater und keine Mutter. War alles tot. Und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot. Und es ist hingegangen und hat gesucht, Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in den Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an. Und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faules Holz. Und da ist es zur Sonne gangen. Und wie es zur Sonne kam, war's eine verwelkte Sonnenblume. Und wie's zu den Sternen kam, waren's lauter kleine goldene Mücken ... Und wie's wieder auf die Erde wollte, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein."

Trösten oder vertrösten?

"Da sitzt es noch und ist ganz allein." - Vielleicht ist dieses depressive Gefühl der Verlassenheit und der inneren Leere die tiefste Trostlosigkeit, die Menschen befallen kann. Es läßt sie wie abgeschnitten vom Leben sein, beziehungslos, sprachlos, allein. Solche Menschen, die sich fühlen wie das arme Kind, will der Prophet trösten. Seine ganze Botschaft ist eine einzige Trostbotschaft.

"Tröstet, tröstet mein Volk", so beginnt deshalb seine Predigt. Doch was gibt Trost? Was ist Trost? Können wir trösten? Oder nur vertrösten, beschwichtigen? Was sagen wir Menschen, für die alles hohl und sinnlos geworden ist? Können wir deren Trostlosigkeit nur überspielen, weil wir sie selber nicht ertragen und den Schmerz zerbrochenen Lebens nicht aushalten können? Viele Menschen sind jedenfalls den üblichen Trostworten gegenüber skeptisch. Sie glauben diesen Worten nicht. Sie fühlen sich durch diesen Trost in ihrer Trostlosigkeit nicht ernstgenommen und nicht angenommen. "Kopf hoch! Es wird schon wieder gut!": Will sich der Sprecher solcher Worte den Schmerz nur vom Leibe halten? Geht er damit nicht ziemlich unverhohlen in Distanz zum trostlosen Menschen? Bedeuten seine Worte nicht im Klartext: "Laß mich mit deiner Trostlosigkeit in Ruhe; ich hab schon Mühe genug damit, meine eigene Trostlosigkeit zu kaschieren"?

Was ist Trost?

Was also ist Trost? Schauen wir uns ein alltägliches Beispiel an. Es ist eine Art Gegengeschichte zu der Geschichte vom armen Kind:

Es ist Nacht. Ein kleines Kind liegt in seinem Bett und schläft. Doch plötzlich erwacht es - vielleicht aus schweren Träumen - und findet sich allein, von nächtlicher Dunkelheit umgeben. Die vertrauten Umrisse des Zimmers sind verwischt, ja unsichtbar. Es ist, wie wenn die Welt in Finsternis und Chaos versunken wäre. Das Kind fühlt sich einer namenlosen Angst ausgeliefert. Es beginnt zu schreien. Voller Angst schreit es nach der Mutter. Die Mutter kommt, nimmt das Kind in den Arm und wiegt es. Sie zündet ein Licht an, und ein warmer, Sicherheit verheißender Schein umgibt sie und das Kind. Sie spricht zu ihrem Kind, sie singt ihm ein Schlummerlied. Und der Grundtenor ist auf der ganzen Welt immer und immer derselbe: "Hab keine Angst!", "alles ist in Ordnung! ", "alles ist gut! ", "ich bin ja da! ", "alles ist wieder gut! ". Das Kind schluchzt vielleicht noch ein paar Mal auf und gibt sich allmählich zufrieden. Es fühlt die Wärme der Mutter, es sieht ihr liebevoll lächelndes Gesicht über sich und ihre tröstenden Augen; und alles ist wieder gut. Wo es in der Finsternis und der Verlassenheit unterzugehen droht, dort stellt die Mutter wieder eine verläßliche Ordnung her. Ja, die Mutter verkörpert geradezu für das Kind diese verläßliche Ordnung. Sein Vertrauen zur Wirklichkeit ist zurückgewonnen. Und in diesem Vertrauen kann es wieder einschlafen, kann es leben und wachsen.


Was geschieht hier eigentlich? Woher nimmt die Mutter den Mut zu dem, was sie sagt? Die Welt, in der das Kind lebt, ist ja gar nicht in Ordnung; es ist hier ja gar nicht alles gut. Vielleicht ist das Kind krank. Vielleicht ist am Tag vor dem Haus ein schlimmer Unfall passiert. Vielleicht ist der Vater arbeitslos geworden. Aber gerade dann sagt die Mutter zu ihrem Kind: Hab keine Angst; ich bin da; alles ist gut.

Und auch dort, wo gerade Krieg ist, tröstet eine Mutter ihr Kind mit den gleichen Worten: Hab keine Angst, ich bin da, alles ist gut. Wie kann sie das tun? Wie kann sie sagen, alles sei gut, alles sei in Ordnung, obwohl doch so viel nicht in Ordnung ist? Vertröstet die Mutter ihr Kind? Beschwichtigt sie es? Überspielt sie die Trostlosigkeit? Macht sie sich und dem Kind etwas vor?

Wir merken, dass die Mutter hier mehr sagt, als sie vielleicht selber ahnt, mehr vielleicht auch, als sie selber glaubt oder zu glauben vermag. Sie sagt etwas, was weit über die Situation, in der sie ihr Kind tröstet, hinausgeht. Sie sagt etwas über die Welt im Ganzen. Sie sagt, was uns durch die biblische Schöpfungsgeschichte Gott selber sagt: "Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." Der Trost, mit dem die Mutter ihr Kind tröstet, ist also Ausdruck eines ganz großen Vertrauens, Ausdruck des Glaubens, dass alles, auch das Dunkle, in Gottes guter Hand ist und deshalb am Ende alles gut ist. Und es wird deutlich, dass Trost mehr als Oberflächenkosmetik sein muß.

Der Prophet Jesaja will für das trostlose Israel im Exil und für uns so etwas wie diese Mutter für das Kind sein. Er will sie und uns erinnern an den mütterlichen Gott, dessen Bild ihnen und uns wie ein Versprechen in die Wiege gelegt wurde. Er will sie und uns die Gegenwart dieses Gottes neu spüren lassen, die allein ihre und unsere Trostlosigkeit von innen her aufbrechen und uns für neues Leben öffnen kann. Und er tut es auch so ähnlich wie die Mutter: Mit Worten, die "zu Herzen reden", nicht mit Argumenten, die den Verstand überzeugen.

Rührt dieses Bild nicht auch bei uns in der Tiefe unserer Seele etwas an? Ist es nicht so, habe ich es nicht erfahren, dass meine dunklen und krummen Wege Wege zum Leben waren, dass mich Gott auch da und durch all das hindurch getragen hat? So wie eine Mutter ihr Kind auf den Arm nimmt und tröstet?

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