Donnerstag, 14. Januar 2010

Mit Kindern über den Tod reden

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Wie geht das, mit Kindern über den Tod zu reden? Wie viel darf man ihnen zumuten, welche Worte sollte man wählen? Wie ist das mit der Trauer, mit der eigenen und mit der der Kinder, die wir doch am liebsten fröhlich und unbeschwert sehen wollen? Eltern und Großeltern sollen das Thema Tod ehrlich anzugehen und behutsam zugleich. Halten wir die „kleinen Tode des Alltags“ bewusst aus um mit den Kindern trauern zu lernen.

Ein Gespräch mit Diplom-Psychologin Gertraud Finger, in : Pfarrbriefservce, Gestaltungshilfen, Materialien, Januar 2010.

„In der Zeit der Trauer gibt es keine richtigen oder falschen Gefühle. Trauer lässt sich nicht reglementieren. Und jede Aufforderung wie ‚Nicht weinen!’ oder ‚Nicht lachen!’ oder ‚Nicht wütend sein!’ behindert das Kind darin, seine eigenen Gefühle auszuleben. Trauer ist etwas ganz Persönliches. Und jedes Kind muss seinen Weg finden und tun, was für sein Temperament und seine Gefühlslage richtig ist“, sagt die Diplom-Psychologin Gertraud Finger.

Frage: Wann und wie sollten Eltern ihre Kinder mit dem Thema Tod vertraut machen?

Gertraud Finger: Gelegenheiten gibt es viele, etwa wenn die Kinder im Garten einen toten Vogel entdecken. Er ist vielleicht gegen die Fensterscheibe geflogen und hat sich beim Aufprall so schwer verletzt, dass er an seinen Verletzungen gestorben ist. Kinder brauchen solche Gelegenheiten zur „kleinen Trauer“. Eltern können ihnen dann erklären, dass der Tod manchmal unerwartet kommt. Sie könnten den toten Vogel gemeinsam anschauen. Dabei bekommen die Kinder mit, wie der Körper des toten Vogels ganz steif wird und dass er sich nicht mehr bewegt. Sie könnten ihn in eine kleine Schachtel legen und beerdigen.

Frage: Empfinden Kinder in solchen Augenblicken Trauer?

Gertraud Finger: Natürlich werden sie ein wenig traurig sein, wenn sie von dem toten Vogel erzählen. Vielleicht fließen auch ein paar Tränen. Aber dahinter verbirgt sich keine tiefe Trauer. Die Kinder haben den Vogel ja vorher nicht gekannt und damit keinen persönlichen Verlust erlitten. Anders sieht es aus, wenn das eigene Zwergkaninchen oder die Katze sterben. Eltern haben dann oft große Angst vor der Trauer ihres Kindes. Sie möchten es schützen und besorgen sofort ein neues Tier. Doch damit bringen sie ihr Kind um ein tiefes Erlebnis, das für sein weiteres Leben wichtig und sinnvoll sein kann. Beim Tod seines Kätzchens erlebt das Kind vielleicht zum ersten Mal einen persönlichen Verlust. Es muss Abschied nehmen von einem Tier, das es sehr geliebt hat. Es spürt ganz neue, bisher nicht gekannte Gefühle. Und es lernt, mit seiner Trauer zu leben.

Frage: Sie sprachen von der „kleinen Trauer“. Warum ist sie für Kinder so wichtig?

Gertraud Finger: Jedes Kind kann ganz plötzlich durch den Tod eines geliebten Menschen getroffen werden. Dieses Erlebnis ist umso schwerer zu verarbeiten, je weniger das Kind darauf vorbereitet ist. Deshalb schlagen Fachleute für Kinder eine so genannte psychologische Immunisierung vor. Der Begriff Immunisierung stammt aus der Medizin. Dem Körper werden beim Impfen geringe Dosen von Krankheitserregern zugeführt, die den Körper selbst nicht schädigen, ihn aber veranlassen, Antikörper zu bilden. Auch bei der psychologischen Immunisierung geht es um eine Vorbeugung – diesmal auf die Schwierigkeiten des Lebens. Durch das Erlebnis mit dem fremden toten Vogel oder dem eigenen Kätzchen ist das Kind dem Tod begegnet. Es war traurig und durfte erleben, dass es darüber sprechen kann. Es hat geweint und durfte erfahren, dass Weinen gut tut. Es hat auch gemerkt, dass es langsam wieder fröhlich wurde. Es ist um eine Erfahrung reicher geworden, und das kann ihm helfen, wenn es erleben muss, dass ein geliebter Mensch stirbt.

Frage: Wie sollen Eltern mit ihrem Kind umgehen, wenn ein Angehöriger todkrank ist und bald sterben muss?

Gertraud Finger: Zur psychologischen Immunisierung gehört auch die Vorbereitung auf einen Todesfall. Der nahende Tod eines Familienangehörigen sollte den Kindern nicht verschwiegen werden. Denn sie spüren ohnehin die Stimmung um sich herum. Sie fühlen sich dann einsam mitten unter Menschen, die gedrückt aussehen, seufzen und so tun, als ob nichts wäre. Erst wenn mit den Kindern darüber gesprochen wird, was die Erwachsenen augenblicklich so belastet, fühlen sie sich dazugehörig. Dann erhalten auch sie Gelegenheit zum Abschiednehmen. Das Traurigsein, das damit verbunden ist, kann auf die spätere Trauer vorbereiten und sie erträglicher machen.

Frage: Wie sollen Eltern über den Tod sprechen?

Gertraud Finger: Eltern sollten auf keinen Fall den Tod umschreiben. Denn Kinder, vor allem im Vorschulalter, nehmen das, was die Eltern sagen, oft wörtlich. Das kann zu falschen Vorstellungen führen. Wenn ein Kind zum Beispiel hört „Großvater ist eingeschlafen“, kann es erschrecken. Der schlafende Opa wird in einem Sarg in der Erde versenkt. Was passiert, wenn er wieder aufwacht? Dadurch können Ängste vor dem eigenen Einschlafen entstehen. Der Großvater ist auch nicht auf eine lange Reise gegangen. Dann glaubt das Kind vielleicht, der Opa sei ihm böse, weil er sich nicht mehr meldet. Die Familie hat den Großvater auch nicht verloren. Denn was man verloren hat, kann man wieder finden. Warum suchen Mama und Papa den Opa dann nicht einfach? Dem Wort „Tod“ sollte deshalb nie ausgewichen werden. Doch genauso wichtig ist es, die Endgültigkeit des Todes zu betonen und ausdrücklich zu sagen, dass der Tote nicht zurückkommt. Dies können kleine Kinder am besten durch Beispiele erfassen. Die Eltern könnten mit ihnen darüber sprechen, dass der Großvater nie mehr mit ihnen in den Zoo gehen wird, oder dass die Großmutter keine Apfelpfannkuchen mehr backen kann.

Frage: Wie können Eltern ihr Kind am besten trösten?

Gertraud Finger: Indem sie sich liebevoll und mit viel Fürsorge um ihr Kind kümmern. Darüber hinaus brauchen Kinder Eltern, die sie in ihrer Traurigkeit wahrnehmen und trösten. Wirkliche Trostworte sind nicht belehrend. Sie sagen nichts Banales und lenken nicht ab, sondern ermutigen das trauernde Kind, von seinem Kummer zu erzählen. Dazu helfen Worte wie „Erzähl mir von der Oma...“ oder „Es muss für dich ganz schlimm sein...“ oder „Willst du mir sagen, was dich so traurig macht?“ oder „Weißt du noch, damals...?“ Solche Worte laden das Kind zu einem Gespräch ein und zeigen ihm gleichzeitig, dass wir seinen Kummer ernst nehmen und ihm zuhören. Sie helfen dem Kind, sich an den Verstorbenen zu erinnern. Das kann manchmal schmerzlich sein, weil der Verlust dabei sehr deutlich wird. Doch davor können wir Erwachsenen Kinder nicht bewahren. Denn sie sind nur dann in der Lage, ihr Leid zu überwinden, wenn sie leiden dürfen. Wenn wir die Trauer der Kinder anerkennen, brauchen sie ihre Gefühle nicht zu leugnen. Und sie können ihren Weg durch die Trauer gehen. Dies fällt ihnen umso leichter, je einfühlsamer sie dabei begleitet werden.

Frage: Warum reagieren Kinder zuweilen mit Albernsein oder Aggressivität auf den Tod eines nahen Angehörigen?
Gertraud Finger: Manche Kinder lassen Trauer nicht zu. Sie wollen den Tod des lieben Angehörigen einfach nicht wahrhaben und lassen das, was geschah, noch nicht an sich herankommen. Bei jedem Todesfall werden Menschen mit tiefen Gefühlen konfrontiert. Kinder haben sie in dieser Form noch nicht kennen gelernt. Das macht ängstlich und unsicher. Die Trauerverweigerung ist wie eine Notbremse. Kinder bremsen die Not, in die sie geraten sind, ab, um nicht davon überrollt zu werden. Die Kleinen brauchen einfach noch Zeit, das Unfassbare zu verstehen. So kann es sein, dass sie ihre Umgebung schockieren, indem sie lachen und albern sind. Eltern sollten ihrem Kind keinesfalls Vorwürfe machen, sondern dessen Abwehr und Verweigerung zulassen. Aber sie dürfen nicht dabei stehen bleiben, sondern müssen gleichzeitig eine Tür öffnen, damit das Kind wieder aus der Abwehr herausfindet. Denn eine länger andauernde Trauerverweigerung kann sich sehr ungünstig auf die gesamte Entwicklung des Kindes auswirken. Eltern, Großeltern oder andere nahe stehende Menschen sollten deshalb mit dem Kind zum Friedhof gehen, Fotos anschauen und Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen erzählen. Denn so zeigen sie ihm, dass man darüber sprechen kann und darf. Das Kind fühlt sich dann nicht mehr so allein und kann es wagen, seinen Kummer zuzulassen und ihm Ausdruck zu verleihen.



Zehn Verhaltenshilfen für Eltern im Umgang mit trauernden Kindern

1. Geben Sie Kindern die Chance zu lernen, wie man trauert.
Zeigen Sie Ihre Trauer. Überspielen Sie nichts. Geben Sie ihren Kindern die Möglichkeit, Trauer an anderen und die eigene Trauer zu erleben.

2. Lassen Sie Kinder auch über die kleinen Verluste im Leben trauern.
Die Katze stirbt, ein Freund zieht in eine andere Stadt, das Lieblingsstofftier ging verloren. Das sind Gelegenheiten für Kinder, das Abschiednehmen zu lernen.

3. Informieren Sie Kinder über Todesfälle im Umfeld.
Wenn Kinder nur die Verhaltensänderung der Erwachsenen wahrnehmen, aber keine Erklärung dafür bekommen, entwickeln sie eigene Fantasien.

4. Vermitteln Sie Kindern die Endgültigkeit des Todes.
Umschreibende, verharmlosende Bezeichnungen des Todes nähren nur Hoffnungen, die zwangsläufig zu Enttäuschungen führen.

5. Geben Sie Kindern Gelegenheit zum Abschied nehmen.
Kinder nehmen keinerlei Schaden, wenn sie den Toten/die Tote sehen, sie/ihn berühren, sich verabschieden, im Gegenteil: Kleine Kinder sind sehr unbefangen, für größere ist ebenso wichtig wie für Erwachsene, den Tod zu begreifen. Nehmen Sie die Kinder mit zu allen Trauerfeierlichkeiten, schließen Sie sie nicht aus.

6. Geben Sie dem Kind Gelegenheit, mit seinen Gefühlen umzugehen.
Vermitteln Sie dem Kind, dass es mit allen seinen Fragen kommen kann. Nehmen Sie sich Zeit, wenn es weint oder Angst hat. Sprechen, weinen, malen, lesen, basteln Sie mit ihm.

7. Geben Sie dem Kind die Sicherheit, dass Sie für Ihr Kind noch lange da sind.
Der Verlust einer geliebten Person weckt in Kindern die Angst, auch andere könnten plötzlich sterben. Versichern Sie, dass Sie noch lange leben werden - aber auch, dass alle Menschen irgendwann sterben müssen.

8. Kinder sollten wissen: Auch Kinder können sterben.
Aber machen Sie deutlich, dass das selten passiert: zum Beispiel bei sehr schweren Krankheiten oder bei Unfällen.

9. Ermuntern Sie Kinder, ihre Gefühle zu zeigen.
Kinder schonen ihre Eltern oft, weil sie nicht wollen, dass diese noch trauriger werden. Sie weinen heimlich oder nehmen vor der traurigen Stimmung zuhause Reißaus.

10. Seien Sie ehrlich.
Kinder brauchen die Sicherheit, dass ihre Fragen ehrlich beantwortet werden.

Norbert Kugler, aus: Wenn Kinder trauern. Werkblatt der Katholischen Landvolkbewegung Deutschlands, 6/2003. www.werkblaetter.de



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