Samstag, 27. November 2010

Dem Frieden dienen - Gedanken zum ersten Adventssonntag

Mit dem heutigen Sonntag beginnt wieder die Adventszeit: die Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Im Mittelpunkt unserer Gedanken und unseres Handelns steht das Gedächtnis: Gott ist als Mensch zu uns Menschen gekommen und hat unter uns gewohnt. Die Adventszeit ist die Vorbereitungszeit auf dieses Ereignis. Die Vorbereitung auf die Feier dieser ersten Ankunft Gottes damals kann aber nicht verdecken: die Adventszeit meint noch mehr. Sie möchte unsere Gedanken und unsere Herzen auch hinlenken auf die Erwartung der zweiten Ankunft Christi am Ende der Zeiten.


Der Gedanke an dieses Kommen des Herrn am Ende der Zeiten ist für unser Christsein aber eher eine abstrakte Idee als eine lebendige, das Leben bestimmende Wirklichkeit. Von zu vielen anderen Gedanken und Wünschen ist unser Leben bestimmt und durchkreuzt. Der Alltagstrott ist zu mächtig. Das war schon zu Zeit des Noach so: „Die Menschen aßen und tranken und heirateten“ (und dachten nicht an das Kommen des Herrn) - heute können wir hinzufügen: sie arbeiteten, sie kauften, sie führten Kriege ... Da hat sich nichts geändert.


Eine gewaltige prophetische Schau der von Gott her bereiteten Zukunft begegnet in der Lesung: Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, in einer Vision über Juda und Jerusalem gehört hat. Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort. Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn. (Jes 2,1-5)


Die Vision dieses Textes gilt „dem Ende der Tage", das nicht allein das Ende meint, sondern die neue, endgültige Zukunft, die Gott selbst herbeiführen wird. Der Berg Zion in Jerusalem, mit dem Tempel, er wird zum Mittelpunkt. Alle Völker blicken fasziniert auf diesen „Berg mit dem Haus Gottes“. Und sie machen sich auf zur Wallfahrt dorthin. Von dort erhoffen sie Wegweisung für ihr Leben, ja, noch mehr: den Anbruch eines weltumspannenden Friedens. Der Prophet beschreibt, was er in seiner Vision gesehen hat:


Die Schwerter und Lanzen haben ausgedient, sie werden zu Pflugscharen und zu Winzermessern. Nicht mehr Streit und Krieg bestimmen das Leben, sondern eine neue Kultur des friedlichen Miteinanders und Füreinanders. Die Voraussetzung dafür freilich ist, dass die Völker zur Einsicht kommen, mehr noch: sie sollen den lebendigen Gott anerkennen und ihr Leben bestimmen lassen.


Kehren wir von dieser Vision zu unserem Leben hier und heute zurück. Die Sehnsucht nach einem solch umfassenden Frieden zwischen den Menschen, den Völkern und Rassen, den Kulturen und Religionen lebt in der Tiefe unseres Herzens. Und wir unternehmen immer neue Versuche, diese Sehnsucht Wirklichkeit werden zu lassen: das Forum der Vereinten Nationen oder die Bemühungen um Abrüstung und Frieden sind beeindruckende Beispiele dafür, die Gespräche zwischen den großen Weltreligionen und der Einsatz der Kirchen zusammen mit allen Menschen guten Willens für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.


Immer mehr spüren wir: die Gewalt der Waffen ist kein geeignetes Mittel, um Konflikte zu lösen - weder in der großen noch in der kleinen Welt. Doch gleichzeitig erleben wir wie diese Sehnsucht nach Frieden immer wieder enttäuscht und zunichte wird: Ungerechtigkeit, Unfriede und Gewalt brechen durch - in der Familie, in der Nachbarschaft der einzelnen wie ganzer Völker.


Woran liegt das? Unsere Lesung gibt uns zur Antwort: Gott ist noch immer nicht der Mittelpunkt unseres Lebens. Er möchte uns seine Wege zeigen - und wir gehen unsere eigenen. Seine Weisungen sind klar, doch wir richten uns nicht danach. An die Stelle Gottes als Mitte des Lebens und der Welt sind wir selbst getreten. So bleiben unsere Bemühungen um Frieden ein Versuch, durchbrochen und durchkreuzt von unserer eigenen Friedlosigkeit, deren letzter Grund unsere Gott-Losigkeit ist. Überall aber, wo unter uns der Glaube an Gott sich auswirkt, blüht Friede auf, wächst Gerechtigkeit.


In der Lesung hatte uns der Prophet eingeladen: „Kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Lichte des Herrn!“ Bitten wir den Herrn unseres Lebens, den Herrn der kommenden Welt, in diesen Tagen des Advents, dass er unsere Schritte auf den Weg des Friedens lenkt.

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