Samstag, 13. November 2010

Nicht schlafen, sondern wachsam sein

Gedanken zum 33. (vorletzten) Sonntag im Kirchenjahr


Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schönen Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus: Es wird eine Zeit kommen, da wird von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden.


Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und an welchem Zeichen wird man erkennen, dass es beginnt? Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es!, und: Die Zeit ist da. - Lauft ihnen nicht nach!


Und wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch dadurch nicht erschrecken! Denn das muss als erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort. Dann sagte er zu ihnen: Ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen. Aber bevor das alles geschieht, wird man euch festnehmen und euch verfolgen. Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können. (Lk 21,5-9)


„Alles muss bis auf den Grund zerstört werden, damit Neues werden kann.“

Diese Äußerung der hl. Katharina von Siena ist wie eine Überschrift über den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Da ist Ende, Zerstörung auf der einen Seite, da ist Anfang von Neuem auf der anderen Seite - so, als würde erst das Ende den Anfang von Neuem ermöglichen.

Wir hören im Evangelium, dass vermeintliche menschliche Sicherheiten zusammenbrechen,
dass ganze Welten versinken, dass unser perönliches Leben dem Verfall preisgegeben ist. Doch das Wissen um die Vergänglichkeit all dessen, was uns lieb und teuer ist, ist keine Aufforderung zur Lebensängstlichkeit, sondern zu einer Haltung der Achtsamkeit: Heute so leben, als könnte morgen das Ende sein. Heute das Gute tun, heute lieben, heute vergeben - und nicht erst morgen. Damit wir bereit sind, damit er uns antrifft, wenn er kommt. Damit er uns mitnehmen kann in das ewig Neue, das er uns dort nach dem Ende hier bereiten wird.

Kehr um und glaube an das Evangelium. Glaube daran und du wirst gerettet werden, ganz gleich was an Katastrophen über dich hereinbricht.

Freitag, 12. November 2010

Wort Gottes für den Tag, Samstag, 13. November 2010.

Ein neues Gottesbild für Elija


Elia stand er auf, aß und trank und wanderte vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst du hier, Elija?


Er sagte: Mit leidenschaftlichem Eifer bin ich für den Herrn, den Gott der Heere, eingetreten, weil die Israeliten deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört und deine Propheten mit dem Schwert getötet haben. Ich allein bin übrig geblieben und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.


Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.


Im Industriezeitalter glauben die Menschen anders an Gott als in der Agrarkultur. Heute, in einer hoch differenzierten Informationsgesellschaft, hat man den Eindruck, dass man immer weniger nach Gott fragt. Gelingt das Experiment einer Humanität ohne Gott?


Elija hat Gott in seiner Lebens- und Glaubensgeschichte vornehmlich im Sturm, im Erdbeben und im Feuer erfahren. Dann aber gerät er in eine tiefe Glaubenskrise. Er weiß nicht mehr, woran er mit sich selbst und mit Gott ist. Er will nichts mehr sehen und hören. Er versteckt sich in einer Höhle. Doch Gott ruft ihn heraus und offenbart sich ihm in einem überraschend neuem Bild. Gott ist nicht mehr der laute Gott im Sturm, im Erdbeben, im Feuer. Gott ist der leise Gott: „Da zog der Herr vorüber in einem sanften und leisen Säuseln.“


Gott ist nicht mehr der Gott, der mit starkem, mächtigen Arm Gewalt ausübt, der Gott der Heerscharen, der Israel in Kriege geführt hat, Städte in Schutt und Asche legte und Menschen tötete. Gott imponiert fortan dadurch, dass er die Menschen freundlich durch sein Wort zum Glauben einlädt. Das heißt für uns konkret: Gott ist für uns nicht der Machtgott, der Gott der Kreuzüge, der Judenpogrome, des Hexenwahns, der Ketzerverbrennungen, der Exkommunikationen.


Gott ist anders als wir uns ihn denken!


Den Gott im sanften, leisen Säuseln erfahren wir in Not und Elend, in Leid und Schicksal, in Gefährdungen und Bedrohungen. Darum ist er still, unauffällig, behutsam und doch ermutigend für uns da. Den Gott im sanften, leichten Säuseln erfahren wir in Krisen, in Lebens- und Glaubenskrisen. Wenn wir nicht mehr zu glauben und zu hoffen wagen, Wenn wir anfangen zu zweifeln und zu verzweifeln, dann ist er für uns da. Sind wir sensibel und hellhörig genug, spüren wir seine Nähe? Den Gott im sanften, leisen Säuseln erfahren wir im Versagen, in unserer Schuld, in unserer Gottlosigkeit. Denn gerade da, wo wir nichts mehr sind, kann Gott aus uns etwas machen. Die in Tränen säen, werden in Jubel ernten.


Gott ist also immer ganz anders, als wir ihn uns denken und vorstellen, als wir ihn haben wollen. Im Kreuz hat er gezeigt, dass er in seiner Liebe bis zum Äußersten geht. Und in jeder Feier der Eucharistie empfangen wir ihn in einem kleinen, unscheinbaren Stück Brot. Gott ist für uns immer näher, als wir ahnen.

Donnerstag, 11. November 2010

Nie wieder Krieg - Gedanken zum Waffenstillstand


Gestern, am 11. November gedachten wir eines der bekanntesten Heiligen: dem hl. Martin. Berühmtheit hat er dadurch erlangt, dass er seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler teilte. In der Nacht erschien ihm dann Jesus im Traum. Er hatte die Mantelhälfte umgehängt und sagte: Was du dem Bettler getan hast, das hast du mir getan. Er ist aus der Armee ausgeschieden, ließ sich taufen, wurde Priester und später Bischof. Der heilige Martin ist so zu einem leuchtenden Beispiel für uns geworden, die wir aufgefordert sind die Armen unter uns nicht zu vergessen.


Der hl. Martin war zuerst Soldat, bevor er Priester und Bischof wurde. Er ist vom Kämpfer für den römischen Kaiser zum Kämpfer für Christus geworden. Er hat das Schwert gegen das Evangelium getauscht. Er hat den Krieg gemieden und ist für den Frieden eingetreten. Das kann uns zu denken geben, denn am Gedenktag des hl. Martin (11. November) erinnern wir uns ebenfalls der vielen Soldaten und Zivilkriegsopfer, die im 1. Weltkrieg (1914-1918) ihr Leben verloren haben.


Am heutigen Tag gehen die Gedanken der Angehörigen von gefallenen und vermissten Vätern, Ehegatten und Söhnen zurück, zu Orten auf der ganzen Welt, wo das Leben, die Zukunft dieser Angehörigen auf tragische Weise ein Ende gefunden hat.


Heute gehen die Gedanken zurück zu den Menschen die ihr Leben durch Kriegseinwirkung zu Hause, in den Konzentrationslagern oder durch Spätfolgen des Krieges eingebüßt haben.


In Erinnerung an den Krieg und die Not in der Nachkriegszeit ziehen wir Bilanz. Eine traurige Bilanz unserer Geschichte. Diese Bilanz sagt uns, dass viele, viel zu viele Menschen die Irrtümer der Politik mit ihrer Gesundheit oder mit ihrem Leben bezahlen mussten. Niemand von uns kann sagen, dass sich solche Geschehnisse nicht wiederholen. Darum ist die Mahnung zum Frieden dringender denn je! Nie wieder Krieg!

Mittwoch, 10. November 2010

St.Martin-Feier in Burg Reuland

Das Fest des heiligen Martin (316-397) am 11. November 2010, wird in ganz Ostbelgien begeistert von Tausenden von Kindern und ihren Eltern mit Martinsspielen, Laternenumzügen und Martinsliedern gefeiert.

Die Kindergärten und Primarschulen organisieren in den Tagen um das Fest des populären heiligen Bischofs von Tours die Martinsfeiern. In Burg Reuland versammelten sich die Kinder mit ihren Eltern vor dem Kulturhaus und zogen zur Kirche. Um 19,30 Uhr wurde dort in einem Spiel dargestellt, wie der Offizier Martin seinen weiten Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler teilt, in dem er Christus erkennt. Hoch zu Ross reitet er dann als „heiliger Martin“ voran, zur Burgruine, begleitet vom Musikverein und natürlich dem Volk.

Die Reuländer Burg bietet den idealen Hintergrund für das Geschehen um das Martinsfest. Das Martinsfeuer, welches im Burghof abgebrannt wird wärmt die kleinen und großen Anhänger des heiligen Martin. Natürlich darf der „Weckemann“ nicht fehlen, den die Kinder sich beim heiligen Martin abholen und die Großen freuen sich auf einen stärkenden Glühwein. So bleibt dieser Tag für alle in schöner Erinnerung. (Alle Fotos Ludwig Wirtzfeld)

Geschichtliches

Nach legendärer Überlieferung ritt Martin, als er noch römischer Offizier war, an einem kalten Winterabend auf ein Truppenlager in Amiens nördlich von Paris zu. Plötzlich sah er am Wegrand einen
halbnackten frierenden Bettler, der ihn um eine Gabe anflehte. Da er weder Geld noch Verpflegung bei sich hatte, soll Martin seinen weiten Offiziersmantel mit dem Schwert in der Mitte geteilt und die Hälfte dem Frierenden gegeben haben. In der Nacht sei ihm Christus im Traum erschienen, bekleidet mit der Mantelhälfte des Bettlers.

316 in Pavia geboren, wurde Martin auf Wunsch seines Vaters Soldat. Mit 18 Jahren hatte er die Begegnung mit dem frierenden Bettler. Kurz darauf ließ er sich taufen. Er bemühte sich fortan, den Schwächeren zu helfen. Mit 40 Jahren nahm er seinen Abschied vom Militär und zog sich als Einsiedler auf die Insel Gallinaria im Golf von Genua zurück. Im Jahre 360 gründete er in Poitiers eine Ordensfamilie. Im Jahre 371 wurde er auf Drängen des Volkes zum Bischof von Tours
gewählt. Die Legende berichtet, dass Martin sich in einem Stall versteckt habe, um der Wahl zu entgehen. Die Gänse aber hätten ihn durch ihr lautes Schnattern verraten. Daher stammt der Brauch der Martinsgans.

Der heilige Bischof Martin starb auf einer Missionsreise am 8. November 397. Er ist Patron der Armen, der Soldaten und Reiter, aber auch der Gastwirte und Hoteliers.




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Dienstag, 9. November 2010

Wort Gottes für den Tag, Mittwoch, 10. November 2010.

Vom rechten Hören
Jesus sagte zu seinen: Zündet man etwa ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber oder stellt es unter das Bett? Stellt man es nicht auf den Leuchter? Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt. Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er!

Weiter sagte er: Achtet auf das, was ihr hört! Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden, ja, es wird euch noch mehr gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. (Mk 4,21-25)

Bei diesen beiden Sprüchen Jesu geht es um das rechte Hören der Botschaft Jesu. Diese soll aufgenommen werden wie die Saat von einem guten Boden. Sie soll nicht im Ohr hängen bleiben, auch nicht im Gehirn, sonder sie soll bis ins Herz dringen! - Es gab darüber hinaus wohl Anlass für Jesus zu mahnen, die Glaubensbotschaft nicht zu verstecken: Er sagte zu ihnen: Zündet man etwa ein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber oder stellt es unter das Bett? Stellt man es nicht auf den Leuchter? So wie das Licht soll auch der Glaube leuchten und als Licht erkennbar sein.

Der Christ der Zukunft ist ein "bekennender Christ"

Das war in einer Umgebung, die den Christen argwöhnisch oder gar feindselig gesonnen war, keine leichte Anforderung. Wie war das in den Zeiten, als durch die Nationalsozialisten das christliche Bekenntnis mit Behinderungen oder Sanktionen belegt war?
Unsere Zeit ist nicht so krass. Dennoch stellt sich auch heute die Frage, was wir bei den Prioritäten, die etwa das moderne Wirtschaftsleben setzt, guten Gewissens mitmachen können oder nicht. Dürfen wir als Christen immer nur mit der Masse mitlaufen, oder müssen wir nicht hier und da klar Position beziehen und sagen: „Das geht für mich zu weit! Das kann ich nicht mehr guten Gewissens mit meinem Glauben vereinbaren.“ – Der Christ der Zukunft wird nicht daran vorbei kommen, Position zu beziehen. Denn er wird ein bekennender Christ sein und kein Mitläufer.

Sei stark! Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir! (Gen 26,14)

Markus zitiert ein Wort Jesu, das in solch schwierigen Situationen Mut machen soll. Wenn wir zu klugem und vorsichtigem Verhalten gezwungen werden, so kann uns doch niemand zwingen, unsere innerste Überzeugung aufzugeben, mag man sie behindern, so viel man will. Diese Überzeugung darf sich daran stärken, dass die unliebsame Wahrheit oder unliebsame Wahrheiten einmal an den Tag kommen werden: Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommt. Manches dunkle Ansinnen und Geschäft ist so schon an den Tag gekommen. Hier gilt das Wort für die Botschaft Jesu. Sie mag unterdrückt werden, auf die Dauer wird sie nicht unterdrückt werden können, weil in ihr Gottes Kraft steckt, die einen längeren und stärkeren Atem hat als jede menschliche Kraft. Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er!


Schließlich wird den Jüngern und somit uns Christen eine Weitere Mahnung ans Herz gelegt: Es geht um das Geben und Nehmen. Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden. Hinter diesem Wort steht die Erfahrung, dass gebefreudigen Menschen auch gern gegeben wird. Wer aus einem Herzen heraus, das zu teilen bereit und fähig ist gibt, erhält genug zurück und wird durch sein Geben nicht ärmer. Das ist ein ganz wichtiger Punkt der christlichen Existenz. Geben und Nehmen ist nicht nur eine nebensächliche Sache. Das menschliche Miteinander lebt vielmehr in dem Maße, wie man untereinander gibt. Und dieses Geben erzeugt kein Weniger, sondern ein Mehr.

Jesus überträgt diese Erfahrung auf den Glauben, der nur im Geben und Nehmen wächst. Wer aber das Seine festhält und für sich bewahrt, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Gemeint ist, dass derjenige der sich um seinen Glauben bemüht, im Glauben wachsen wird, wer dagegen sich nicht bemüht dass sein Glaube wächst, wer ihn schlummern und verkommen lässt, dessen Glaube wird absterben, so dass er letztlich nichts mehr hat. Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er!

Montag, 8. November 2010

Buchtipp: "Gott, wenn es dich gibt"

Religiöses Buch des Monats Dezember 2010
(Autor: Anselm Grün)

„Ich glaube, dass ich glaube“ – diese Erkenntnis stellte sich bei dem Philosophen Gianni Vattimo (geb. 1936) bei einem Telefongespräch an einem öffentlichen Münzfernsprecher in einem Mailänder Eiscafé ein. Und noch Jahre später schreibt er, dass diese Formulierung seine Beziehung zum Christentum am besten treffe. Geprägt von der Philosophie unserer Zeit ist Vattimo überzeugt, dass man Gott nicht mit den Mitteln des Verstandes erkennen, sondern von ihm nur vom Hörensagen wissen könne. Man müsse also jene Ungewissheit akzeptieren, die das Vertrauen auf das Zeugnis und die Erfahrungen anderer mit sich bringt.

Die Gedanken des Philosophen Vattimo über seinen Glauben bilden den Schlussakkord dieses Buches, das Anselm Grün aus Glaubenserfahrungen aus annähernd 2000 Jahren Christentum komponiert hat. Er beginnt mit einem theologischen Schwergewicht der Geschichte, Augustinus (354 – 430), dessen Glaubenserfahrung den Gegenpol zu denen Vattimos bildet. Sie war von zunehmender Sicherheit geprägt - und großer Abscheu vor seinem früheren Lebenswandel, bevor „das Licht der Gewissheit“ in sein Herz strömte.

Weitere Stationen: Martin Luther, Teresa von Avila, Blaise Pascal und dann die großen Gottsucher des 20. Jahrhunderts: Paul Claudel, Alfred Döblin, Madeleine Delbrêl, Simone Weil. Sie alle wurden auf sehr unterschiedliche Weise von Gott „überwältigt“ (Madeleine Delbrêl) und schreiben in ihren Texten nicht nur von dieser Erfahrung, sondern auch von den oft sehr verschlungenen Wegen, die sie zu Gott geführt haben. Dabei entzieht sich das Geschehen dieser „Überwältigung“ meist der Beschreibung; gerade die Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts sind damit sehr zurückhaltend. Simone Weil schreibt z.B., Gott habe sie „ergriffen“ und „überwältigt“. Mehr erfährt man nicht. Die Texte lassen jedoch keinen Zweifel daran, wie existenziell dieses Erlebnis war.

Der große Reiz dieses Buches liegt in der Vielfalt dieser Erfahrungsberichte aus erster Hand. Die Texte zeigen, dass es nicht die eine Art und Weise gibt, in der Gott erfahren wird, sondern dass diese Erfahrung immer individuell ist, für jeden Menschen anders. So unterschiedlich die hier beschriebenen Gotteserfahrungen sind, so unterschiedlich sind auch die Konsequenzen, die die Autoren daraus gezogen haben. Für manche brachten sie, wie Augustinus, tiefe Gewissheit und eine Neuausrichtung des Lebens, anderen blieben ihre Zweifel, wie Gianni Vattimo. Anselm Grün hat zu jeder Autorin und jedem Autor ein kurzes Lebensbild verfasst, das das Verständnis der Texte erleichtert. Ein Quellennachweis hilft demjenigen, der ausführlicher in den Texten eines der Autoren lesen möchte.

Es ist nahezu unmöglich, sich nicht von diesen Glaubenszeugnissen packen zu lassen. Wem ein Autor mit seiner spezifischen Sichtweise nicht liegt, der wird mit Sicherheit bei einem der anderen Autorinnen und Autoren einen Gedanken finden, der zum Nachdenken anregt. In manchen Texten, gerade auch in den eher als sperrig empfundenen, können sich die eigene Gottsuche und die eigene Glaubensnot spiegeln; sie können eigene Glaubenserfahrungen bewusst machen und tragen nicht zuletzt dazu bei, den Glauben, der auf das Hörensagen angewiesen ist, reifen und wachsen zu lassen. (Quelle: Borromäusverein) Anselm Grün: Gott, wenn es dich gibt. Große Glaubenserfahrungen – von Augustinus bis Dorothee Sölle. 240 S.; 19,95 €.