Samstag, 22. Januar 2011

Heilige Messe: "Kein spiritueller Schnellimbiss, sondern eine nachhaltige Bearbeitung der Seele"


Interview mit Bruder Paulus Terwitte zur Eucharistie

Bruder Paulus Terwitte ist Kapuzinermönch und leitet das Kapuzinerkloster Liebfrauen in Frankfurt am Main sowie den dortigen Franziskustreff, eine Hilfseinrichtung für wohnungslose Menschen. Als Buchautor, Referent, Fernsehmoderator und kompetenter Medienmann der katholischen Kirche ist es ihm ein Anliegen, den christlichen Glauben mit dem Leben der Menschen von heute in Verbindung zu bringen. Im Interview nimmt er Stellung zur Bedeutung der Eucharistiefeier.

Die Standardfrage vieler Kinder während der Messfeier lautet wohl: Wie lange dauert es denn noch? Wenn sie älter geworden sind, fragen sie nicht mehr – viele bleiben einfach weg. Weithin leere Kirchenbänke sind in vielen Gemeinden bei den Eucharistiefeiern zu beobachten. Bruder Paulus rät jungen Menschen, den Durchblick zu gewinnen, die Heilige Messe bewusst zu feiern, dann könne sie zur Nahrung für die Seele werden. Lesen Sie dazu folgendes Interwiew.

Bruder Paulus, Sie haben zusammen mit anderen ein Buch für junge Leute geschrieben, das den Titel trägt: „Mut zur Messe“. Was hat die Heilige Messe mit Mut zu tun?
Bruder Paulus: Wer die Messe mitfeiert, bekennt öffentlich, was er glaubt. Zudem: Wer die Heilige Messe mit Schwung mitfeiert, wofür ich in meinem Buch viele Anregungen gebe, wird verwandelt werden. Die Eucharistiefeier ist ja ein Haus aus Riten, in dem wir Jesus begegnen: Deswegen gehe ich immer mit ein wenig Herzklopfen in den Gottesdienst; wer weiß, was Jesus darin in mir verwandeln will.

Den Ablauf der heiligen Messe empfinden gerade Kinder und Jugendliche als langweilig. Was raten Sie ihnen?
Bruder Paulus: Den Durchblick zu gewinnen. Denn es gibt keine Feier in der Welt, die so voll von Bezügen zu geschichtlichen Ereignissen und Botschaften der Bibel ist. Der Kaiser von Rom spielt beim Kyrie eine Rolle. Die Kartoffeln der Bauern in Südfrankreich des 6. Jahrhunderts bei der Händewaschung. Die ägyptische Hofzeremonie beim Einzug von Ministranten und den anderen Liturgen. Freilich: Man muss schon selber mitdenken. Aber das sollte für junge Leute von heute ja kein Problem sein.

Was sagen Sie Menschen, die das Gefühl haben, die heilige Messe habe mit ihrem Leben nichts zu tun?
Bruder Paulus: Das hat ja eine Sauna auch nicht. Da muss ich schon reingehen. Und mir die Zeit nehmen. Viel Geduld braucht es, oft über Monate, bis man einen Effekt spürt. Die Messe ist kein spiritueller Schnellimbiss, sondern eine nachhaltige Bearbeitung der Seele, die dabei wort- und brotweise Stück um Stück genährt wird. Wer drei Monate jeden Sonntag wirklich gesagt hat: Und mit deinem Geiste! oder: Dank sei Gott! und das auch so meinte, wird schnell begreifen, dass fast ununterbrochen von den Lebensthemen Liebe, Versöhnung, Frieden, Leid und Erlösung die Rede ist.

Was bedeutet für Sie persönlich die Eucharistiefeier?
Bruder Paulus: Ich gehe wie gesagt mit einem gewissen Lampenfieber in die Messe. Als Vorsteher der Eucharistiefeier bin ich besonders verantwortlich, dass sich viele angesprochen fühlen, alle ihren Part mit Hingabe erfüllen und der Wechsel von Priester,- Diakon-, Lektoren-, Fürbittgestaltern-, Kantoren- und vielen anderen Einzelaufgaben mit der Gemeinde gelingt.

Wie könnte es Ihrer Meinung nach wieder gelingen, dass die heilige Messe zu einem Kraftort für die Menschen und die Pfarreien wird?
Bruder Paulus: Wenn wir in der Messe fröhlich „wohnen“ wollen, müssen wie in einer guten Ehe alle Gewohnheiten regelmäßig auf den Prüfstand. Was sich totgelaufen hat, muss man ändern. Vor jeder Messe sollte die ganze Gemeinde samt Priester und dem liturgischen Personal laut sagen: Wir wollen hier den Tod und die Auferstehung Jesu feiern! Denn daran mangelt es vor allem: Am Wollen, etwas Geschenktes zu feiern! Die vielfältigen Aufgaben in der Eucharistiefeier würden dann viel lieber und auch liebevoller wahrgenommen werden. Oft hindert ein Kleinkrieg, z.B. wer lesen darf, und warum denn nicht ein Lektor alles lesen soll, das sei bequemer für den Dienstplan, und vieles Andere eine lebendige Gestaltung. Es braucht endlich kleine Scholen aus Mitgliedern der Kirchenchöre, die die Gemeinde anfeuern mit Wechselgesängen. Wer fünfzehn ist, muss gefragt werden um eine Rolle als Lektor oder Lektorin. Als letztes nenne ich: Mut zur Stille. – Und wer dann sagt, dass die Messe auf diese Weise zu lange dauert: Hat man je einem, den man liebt, gesagt, es sei ja ganz schön gewesen, aber zehn Minuten zu lang?

Die Fragen stellte Elfriede Klauer, www.pfarrbriefservice.de

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