Mittwoch, 16. Februar 2011

Glaube muss wachsen


Unter guten Katholiken gibt es eine Tendenz, in Glaubensdingen immer alles sofort 100-prozentig haben zu wollen. Wehe, ein Priester sagt etwas, das nach ihrer Meinung nicht völlig der Lehre der Kirche entspricht! Dann werden Briefe geschrieben: an den Priester, vielleicht auch gleich an den Bischof oder gar an den Papst. Manche Leute gehen auch regelrecht auf Jagd nach vermeintlichen Häresien.

Schauen wir in unser eigenes Herz: Wie sieht denn die Realität aus? Haben wir gleich die volle Glaubenserkenntnis? Wachsen wir nicht vielmehr langsam in die Erkenntnis des Glaubens hinein, auch als Priester? Gott führt uns Stufe um Stufe im Glauben und in der Erkenntnis der Glaubenswahrheit. Davon spricht heute das Evangelium: Jesus heilt einen Blinden in zwei Etappen. Das mahnt uns, unser augenblickliches Glaubenswissen als kleinen Ausschnitt der unendlichen Wahrheit Gottes zu begreifen; es mahnt uns zu Vorsicht, wenn ein anderer etwas sagt, was meiner Glaubenserkenntnis nicht entspricht: Vielleicht ist dieser Mensch noch auf dem Weg zu der Erkenntnis, die ich besitze, vielleicht ist er mir aber auch voraus.

Wir müssen uns in der Erkenntnis des Glaubens immer weiterführen lassen. Wir werden nie zu einem Ende kommen. Schauen wir uns das Evangelium an: Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht.


Die Jünger kennen Jesus nun schon einige Zeit. Sie haben Wunder gesehen: er hat Wein in Wasser verwandelt, mehrere Tausend Menschen hat er mit ein paar Broten und Fischen satt gemacht, er hat Kranke geheilt, Blinde sehend gemacht, aber sie scheinen immer noch nicht zu begreifen, wer er ist. Die Jünger sind blind für die Wirklichkeit, in die sie hineingestellt sind. Es ist mühsam sie zum Sehen zu bringen. Es ist mühsam sie zum Glauben zu führen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Heilung des Blinden so ausführlich beschrieben wird.

In dieser Heilungserzählung, besonders mit der zweifachen Handauflegung wird deutlich: dass das Finden zu Jesus, das Sehen im Glauben, einen Wachstumsprozess darstellt, der erst allmählich zum Ziel kommt. Wenn der Geheilte zunächst sagt: Ich sehe Menschen, denn ich sehe etwas, was wie Bäume aussieht und umhergeht, so hat er eine erste Orientierung erhalten, ein erstes Licht, aber noch nicht die gewünschte Klarheit. Aber auch diese wird ihm geschenkt werden, wenn er sich weiter von Jesus berühren lässt.

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