Freitag, 25. Februar 2011

"Wir sind auch ganz normale Leute" - Leben mit Behinderung

„Ich finde das unerhört, wenn man uns nicht ernst nimmt.“ – „Behindert heißt doch, jemand meint, ich wär ein Arsch, und das finde ich nicht in Ordnung.“ Diese Aussagen stammen von erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung, die sich zu Wort melden. Sie wollen kein Mitleid, sondern – wie andere behinderte Menschen auch – in ihrer Andersartigkeit Anerkennung und Respekt. Was es heißt, mit Behinderung zu leben, wollen die nachfolgenden Texte beleuchten. Vielleicht sind sie Anstoß für Sie sich mit diesem Thema einmal auseinanderzusetzen. Die Texte laden dazu ein, vor allem das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Menschen in den Blick zu nehmen.

Was ist geistige Behinderung?



Es ist gar nicht so leicht zu definieren, was eine geistige Behinderung ist. Jedenfalls ist es keine Krankheit, wie oft geglaubt wird. Geistige Behinderung bedeutet in erster Linie eine intellektuelle Beeinträchtigung, welche die Gesamtentwicklung und Lernfähigkeit mehr oder weniger stark beeinflusst.

Ursachen für geistige Behinderung


Die Ursachen für geistige Behinderung sind vielfältig und häufig noch immer nicht klar auszumachen. Es gibt genetisch bedingte, angeborene geistige Behinderung wie zum Beispiel das Down-Syndrom, früher Mongolismus genannt. Hier liegt das Chromosom Nr. 21 dreimal statt zweimal vor. Viele andere, weniger bekannte Syndrome, die zum Teil erblich bedingt sind, gehen ebenfalls mit einer geistigen Behinderung und nicht selten auch mit körperlichen Beeinträchtigungen einher. Einige Stoffwechselkrankheiten und Sauerstoffmangel sowie andere Komplikationen während der Geburt können geistige Behinderung verursachen. Früher führten auch Impfschäden häufig dazu, was heute kaum noch der Fall ist.
Quelle: Wir sind auch ganz normale Leute. Menschen mit geistiger Behinderung in unserer Gesellschaft. Broschüre der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. 2. überarb. Auflage, November 2006.


Wenn Sie Menschen mit Behinderung begegnen:

· Menschen mit Behinderung wollen kein Mitleid, sondern Respekt.
· Gehen Sie offen und selbstverständlich mit behinderten Menschen um.
· Wenn Sie Menschen mit Behinderung helfen möchten, zum Beispiel über Treppenstufen, ist es besser, sie vorher zu fragen.
· Scheuen Sie sich nicht, in Bus und Bahn neben behinderten Menschen Platz zu nehmen.
· Schauen Sie nicht weg, wenn behinderte Menschen verbal oder gar körperlich angepöbelt werden! Stehen Sie ihnen bei!
· Wenn in Ihrem Urlaubshotel behinderte Gäste wohnen: Signalisieren Sie ihnen, dass sie gern gesehen sind.
· Lassen Sie Ihre Kinder oder Enkel mit behinderten Kindern zusammen spielen.
· Geben Sie gegenüber behinderten Menschen ruhig offen zu, wenn Sie unsicher sind und Berührungsängste haben.
· Manchmal können geistig behinderte Menschen nicht abschätzen, wieviel Nähe ihr Gegenüber zulassen will. Scheuen Sie sich nicht, Ihre Grenze deutlich zu machen.


Jeder Moment mit meinem behinderten Sohn ist ein Geschenk

Mein Name ist Simone Ahrens. Ich bin 34 Jahre alt und von Beruf Diplom-Mathematikerin (FH). Mein Sohn Kevin ist am 21.11.1990 in Berlin geboren und kam mit einer schweren Hirnschädigung zur Welt. Er hatte vor der Geburt aufgrund einer Verdickung der Arterie zur linken Hirnhälfte einen Schlaganfall erlitten. Meine Tochter Laura Ann ist ein Jahr später am 24.12.1991 zur Welt gekommen. Ich bin seit April 1992 allein erziehend und habe zusammen mit meiner Mutter die letzten 15 Jahre gemeistert. Seit 1999 habe ich einen Freund (Partner), der auch im Rollstuhl sitzt. Er ist seit einem Unfall vor 17 Jahren querschnittsgelähmt.

Ich möchte mit meinen Worten wiedergeben, welche Freude und welche Kraft mir mein Sohn gegeben hat. Ich möchte auch betonen, wie schön das Leben trotz Behinderung sein kann. Es ist lebenswert und jeder Moment mit meinem behinderten Sohn ist ein Geschenk. Wir haben bestimmt nicht nur schöne Zeiten durchlebt. Manche Träne ist geflossen, doch mit jeder Träne bin ich auch stärker geworden und habe begriffen, worauf es wirklich ankommt. Heute sind wir glücklich. Wir leben in der Gegenwart, und Liebe ist ein wichtiger Bestandteil unserer Familie.

„Mein lieber Kevin, nun bist Du schon fast 16 Jahre alt und wir hatten es sicherlich nicht immer leicht auf unserem gemeinsamen Weg. Doch das, was ich in diesen Jahren mit Dir erleben durfte, empfinde ich als das schönste Geschenk meines Lebens. Ich danke Dir für Dein mitreißendes Lachen, Dein herzerweichendes Lächeln, Deine Lebensfreude, Deine Kraft und die Geborgenheit, die Du mir gibst.

Du bist der Mittelpunkt meines Lebens und der Mittelpunkt unserer kleinen Familie. All unser Denken und Handeln ist auf Dich abgestimmt. Du hast uns gelehrt, nicht nach den Sternen zu greifen, sondern das kleine, das "wahre" Glück zu erleben und zu genießen. Es muss nicht Reichtum und es muss nicht Karriere sein, um ein erfülltes Leben zu haben.
· Du bist die Geborgenheit, der Frohsinn und der Kämpfer.
· Du liebst ohne Vorurteile.
· Du bringst uns zum Lachen, auch wenn uns gar nicht danach zumute ist.
· Du bist so unbekümmert und rein in Deinem Herzen.
· Du lebst in den Tag hinein, ohne Dir Gedanken über die Zukunft zu machen.
· Sollte nicht jeder Mensch ein Stück weit so sein wie Du?“
Simone Ahrens
Quelle: "In mir ist Freude" ISBN 978-3-9810623-0-4, Doris-Verlag, Doris Stommel-Hesseler, Mittelsaurenbach 3, 53809 Ruppichteroth Tel. u. Fax. 02295/903658

Quelle: Pfarrbriefservice.de




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