Montag, 14. März 2011

"Hungertücher": Fasten für die Augen...

"Fasten der Augen" - das ist der Leitgedanke der zahlreich in der Fastenzeit gebräuchlichen Hungertücher. Die Gläubigen sollen durch das Verhüllen der prächtigen Hochaltäre zur Anteilnahme am Leiden Christi herangeführt werden. Archivarische Untersuchungen, vor allem die Durchsicht von Kirchenrechnungen und Inventaren, lassen den Schluss zu, dass früher wohl jede Pfarrkirche ein Hungertuch besaß. Wertvolle historische Hungertücher sind im Bistum Münster noch heute erhalten: In Telgte gibt es ein Hungertuch aus dem Jahr 1623, in Freckenhorst aus dem Jahr 1628 und in Everswinkel sogar aus dem Jahr 1614.

Leidensgeschichte in Form einer "Bilderpredigt"

Die Hungertücher zeigen zumeist Darstellungen aus der Leidensgeschichte Jesu. Sie sind auf Einzelfeldern oder in einer über das gesamte Tuch gehenden Darstellung abgebildet. Gelegentlich werden auch die Leidenswerkzeuge gezeigt: Hammer und Zange, Geißelsäule, Geißel und Rute, drei Nägel sowie eine Leiter mit Lanze und Schwamm. Die Tücher sollen so die Gläubigen an die Leiden Christi erinnern und damit zur Buße aufrufen. Der "Schmachtlappen", wie die Hungertücher auch genannt werden,wird somit zu einem Sinnbild für Trauer, Buße und Umkehr. Foto links: Auf 30 Quadratmetern sind 33 Bildfelder mit Szenen aus der Passionsgeschichte zu sehen, die mit ebenso vielen schlichten Leinenfeldern schachbrettartig kombiniert sind. Als "Bilderpredigt" erläuterte das Tuch den früher Lese-Unkundigen die Ereignisse um den Tod Christi.
Quelle: http://kirchensite.de
Text: Norbert Göckener | Foto: Michaela Kiepe, Archiv


Misereor-Fasentücher

An die alte Tradition knüpft die Bischöfliche Aktion "Misereor" an. Das Hilfswerk bietet Hungertücher an, die zumeist von Künstlern aus Entwicklungsländern entworfen wurden. Sie greifen die Situation in der so genannten Dritten Welt auf und ziehen Parallelen zu biblischen Erzählungen.

Das MISEREOR Hungertuch 2011
"Was ihr dem Geringsten tut"



Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben

Die dynamische und kraftvolle Frau zieht mit aller Kraft einen schweren Karren ins Zentrum, der mit einem Kanister voll frischen Wassers beladen ist. Sauberes Wasser ist Mangelware in Slums. Sauberes Wasser kann den Durst der Menschen löschen. Aber die Frau schafft es nicht alleine - zwei Kinder drücken den Karren mit aller Kraft vorwärts. Nicht das frische Wasser steht im Zentrum der Szene, sondern die sich abmühenden Menschen.

Ich wollte spielen, aber ihr habt mir nichts zum Spielen gegeben
Solange Kinder arbeiten müssen, damit ihre Familien überleben können und nicht Kind sein dürfen, solange keine Zeit für Schulbildung bleibt, haben sie keinerlei Perspektive für ihr weiteres Leben. Sie bleiben im Teufelskreis der Armut gefangen. Das Recht auf Spielen und auf Bildung. Kinder unten rechts, die spielen. Spielzeug, kreativ, selbstgebaute Dinge. Das Kind links repariert sein Fahrrad. 
Die Kinder haben ein Recht auf eine Lebensperspektive und auf Bildung. Sokey Edorh hat rechts eine Schule abgebildet, in der die Kinder unterrichtet werden. 
Ganz oben links am Rand, man sieht es kaum, haben Jugendliche ein kleines Areal gefunden, auf dem sie Fußball spielen und sich austoben können, Kinder sein dürfen. Wer keine Schuhe hat, spielt schon längst mit Socken, denn unter den bloßen Füßen hält man den sich aufheizenden, sandigen Belag des Platzes nur bis zum späten Vormittag aus. 



Ich war krank und ihr habt mich besucht

Über der Frau ist eine Person gezeigt, krank und elend, die von mitleidigen Menschen gepflegt wird. Eine organisierte Krankenversorgung und Gesundheitsvorsorge existiert in Slums nicht. Die Verhältnisse sind vielmehr krankmachend: unzureichende Hygiene, mangelnde Bildung, ungenießbares Wasser, Hunger, keine Kanalisation, eine Toilette muss für einhundert, manchmal eintausend Menschen reichen. Immer wieder versuchen Menschen, sich selbst zu helfen und geben nicht auf: dieser Kranke hier erfährt liebevolle Zuwendung. Schräg links daneben findet vor den Hütten eine Unterweisung in Gesundheitsthemen statt, damit die Hilfe organisiert und strukturiert werden kann.


Der Strand – Weggehen und Ankommen


Wir gehen schräg nach oben rechts. 
Wir blicken an den Geschäftszentralen internationaler Konzerne hoch, die in den Himmel aufragen und sich in die Viertel der Armen hinein drängen. Ein Bagger ist schon angerückt und beginnt, die armseligen Hütten niederzureißen.
Zwangs-
umsiedlungen sind an der Tagesordnung, die Abfindungssummen, wenn überhaupt gezahlt, lächerlich niedrig. 
Logos internationaler Konzerne sind auf den alten Fässern zu lesen, die den Armen als Behausungen dienen: Esso, Shell, Total, Elf, Lehman Brothers. Die Namen beanspruchen keine Vollständigkeit: zu nennen wären noch viele andere.

Bis heute erleidet Afrika Rassismus und Herablassung sowie brutale Ausbeutung. 
Schwarze Ziegen klettern vor den Banken auf den Hüttendächern herum – geschieden von den weißen Schafen, die rechts am Himmel grasen und die das ewige Leben erhalten werden (Mt 25,31f).


Zwischen die Hochhäuser zwängt sich ein kleines Kirchlein: Wie gehen wir als Kirche mit den Herausforderungen der modernen, globalisierten und von marktradikalen Ideen beherrschten Welt um? 
Rechts am Rande wieder Hütte neben Hütte, immer neue Menschen flüchten vom Land in die Städte. Die Slums wachsen rasant an. Andere wählen die Migration. 


Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen

Wir sind am Strand angekommen und sehen Migranten in kleinen Booten auf dem Meer treiben, einer ungewissen Zukunft entgegen. Viele überleben die Flucht nicht. 

Eine Schlüsselszene des Bildes ist die merkwürdig anmutende Szene in der rechten oberen Ecke: Zwei archaisch wirkende dunkelhäutige Menschen kommen hinein in das Bild. Woher sie kommen ist nicht klar. Sie kommen von irgendwoher. Aber jemand erwartet sie: Sie werden von einer ebenso dunklen, aber bekleideten Frau empfangen, die sie mit einer Gabe in der Hand bewirtet. Zwei Boote liegen ruhig am Strand. Im Meer treiben einige Personen in rot-weißen Rettungsringen auf den Strand zu. Auch sie sind Ankommende. Flüchtlinge aus irgendeinem Land dieser Welt. Wahrscheinlich haben sie ähnliche Verhältnisse hinter sich gelassen.
Mit diesem Hungertuch greift MISEREOR eines der zentralen Themen christlicher Lebenspraxis auf. Wie sollen wir uns heute in unserer globalisierten Welt verhalten. Wir haben gelernt, wie verwoben die Dinge miteinander sind. Was sich irgendwo auf der Welt tut, hat weiterreichende Folgen, unter Umständen für das Ganze. Was sagt uns in einer solchen Zeit Jesu grundsätzliche ethische Anleitung für das Leben und Überleben: "Was ihr für die geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan." "Was ihr für sie nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan."?

Auskünfte und weitere Informationen bei MISEREOR

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