Samstag, 9. April 2011

Hoffen wider alle Hoffnung

Gedanken zu Ezechiel 37,12-14

Ende und Neubeginn

„Ich bin am Ende!“ - Wer hätte diesen Ausruf einer überlasteten Hausfrau, eines gestressten Familienvaters, eines überforderten Lehrers noch nicht gehört? Der Mensch ist nicht unbegrenzt belastbar. Wird die Grenze des Zumutbaren überschritten, dann nimmt er Schaden an Leib und Seele. Der Mensch kommt an das Ende seiner Kraft. Auch ein Gebilde wie der Staat kann an sein Ende gelangen. Viele von uns haben noch das Ende des deutschen Staates 1945 in Erinnerung. Es war ein totaler Zusammenbruch. Auch zur Zeit stehen einige europäische Staaten vor dem Ende. Sie sind hoch verschuldet. Sie sind angewiesen auf die Solidarität der Staatengemeinschaft. Aber die gibt es nicht umsonst ...

Das Ende seiner nationalen Existenz erlebte das biblische Israel im 6. Jahrhundert vor Christus. Die Babylonier eroberten und zerstörten Jerusalem und schleppten die führende Schicht des Volkes in die Verbannung. Das Ende für Israel schien gekommen zu sein. Die Klage der Verbannten kennzeichnet die Situation: „Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen, wir sind verloren“ (Ez 37,11).


Einem der Verbannten, Ezechiel, wird eine Vision zuteil. Er sieht eine weite Ebene, angefüllt mit Totengebein. Gott fragt ihn: „Meinst du, dass diese Gebeine wieder lebendig werden?“ (37,3a). Für das Denken zur Zeit des Ezechiel war das ein zu kühner Gedanke. Deshalb gibt er die
Frage an Gott zurück: “Herr und Gott, das weißt nur du“ (37,3b). Das Unglaubliche geschieht. Auf das Wort Gottes hin, das Ezechiel über die Totengebeine ausruft, werden diese wieder lebendig. Die Vision ist ein Bild für das Handeln Gottes an Israel. Er wird sein Volk nicht untergehen lassen. Er wird das zerstreute Israel sammeln und neu als Volk erstehen lassen. Er wird die Verbannten in ihre Heimat zurückführen. Noch deutlicher sagt das die Lesung des heutigen Sonntags, die unmittelbar an die Vision von der Belebung der Totengebeine anschließt. Das zerstreute und daniederliegende Israel wird mit Toten verglichen, die bereits begraben sind. An dieses Israel ergeht die Verheißung: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. Ich bringe euch zurück in das Land Israel“ (37, 12). In diesem Geschehen, das quer zu jeder menschlichen Erwartung steht, sollen die Verbannten ihren Gott am Werk sehen: „Dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin“ (37,18).

Ausweglose Situationen
Das Leben kennt Situationen, die dem Menschen ausweglos erscheinen: Verstrickung in Schuld, Verbitterung durch erlittenes Unrecht, Vereinsamung, Krankheit. Der Mensch kann sich dagegen auflehnen und sein Schicksal zu ändern suchen. Aber oft wird er feststellen müssen, dass sein Sich-abmühen vergebens ist. Er gleicht dem Sisyphos der griechischen Sage, der einen schweren Stein den Berg hinaufwälzen muss. Kaum ist er oben angelangt, entgleitet der Stein seinen Händen und rollt ins Tal zurück. Die sinnlose Arbeit beginnt von neuem. Aus eigener Kraft vermag der Mensch den Bannkreis seines Schicksals nicht zu durchbrechen. Die Botschaft der Bibel bietet eine andere Lösung an. Nicht der Mensch ist es, auf den es ankommt, sondern Gott, der in Treue zum Menschen steht, auch wenn dieser Gott gegenüber seine Treue aufgekündigt hat. Er kann den Menschen aus dem Grab einer ausweglosen Situation herausholen, so wie er einst Israel aus dem Grab der Knechtschaft herausgeholt und vor dem Untergang errettet hat.

„Ich habe keinen Gott - aber Gott hat mich“ (Ernst Barlach ).
„Ich habe keinen Gott - aber Gott hat mich“ - Diese Glaubensgewissheit verleiht Ruhe und Zuversicht, auch Wenn die Dinge zunächst bleiben wie sie sind. Dieser Glaube lässt hoffen wider alle Hoffnung: dass Schuld vergeben und die Chance eines neuen Anfangs geschenkt wird; dass Unrecht wieder gutgemacht wird und Menschen sich versöhnen, dass Außenseiter wieder den Weg in die Gemeinschaft finden; dass Arme nicht naturnotwendig noch ärmer werden und dass das Recht nicht unbedingt auf Seiten des Erfolgs steht.

Gottes Wunderbares Wirken erkennen
Wo die Macht der Verhältnisse durchbrochen wird, wo Zwänge abgebaut und ein Freiraum für menschliches Leben geschaffen wird, dort ist nach Auskunft der Bibel Gott am Werk. Dort erfahren wir Gottes wunderbares Wirken am Menschen. Aber nur der Mensch in der Hoffnung wird dieses Wunder in unserer Welt wahrnehmen. Deshalb ist es wichtig, immer wieder nach solchen Wundern in unserem Leben Ausschau zu halten, wo Gott uns Lebendig gemacht hat, wo er uns aus unseren Gräbern herausgeholt hat und wir eben daran erkennen, dass Gott der Herr ist.

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