Sonntag, 29. Mai 2011

Flurprozessionen: Zeichen der Volksfrömmigkeit im Gebiet der Ulf und Our

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Das volksfromme Brauchtum in unserer Heimat wäre ohne Bittgänge und Prozessionen undenkbar. Viele Bittgänge haben eine Jahrhunderte lange Tradition. Allen voran sind Prozessionen zu nennen, in denen man um eine gedeihliche Witterung für eine gute Ernte bittet oder um Bewahrung vor Naturkatastrophen betet. Zumeist handelt es sich bei diesen Bittgängen um Flurprozessionen, die von der Pfarrkirche aus über die umliegenden Felder und Wiesen führen. Dem Pilgerzug voran wird ein Kreuz getragen, dem die betende Bevölkerung folgt. Bei größeren Prozessionen, etwa an Fronleichnam, nehmen auch Abordnungen der Vereine in Uniform teil. Die örtliche Musikkapelle und Mitglieder der Feuerwehr begleiten die Prozession.

Aber nicht nur an hohen Feiertagen wie Fronleichnam oder Christi Himmelfahrt finden in den Dörfern Bittgänge statt, sondern es sind vor allem die „Wetterprozessionen“ die sich bis vor etwa 20 Jahren großer Beliebtheit erfreuen.

Es wäre falsch zu verschweigen, dass das Interesse daran deutlich nachgelassen hat. Als Grund ist hier sicher die veränderte Lebensweise des heutigen Menschen gegenüber früher zu nennen. Die wenigsten Menschen beziehen ihren Lebensunterhalt noch aus der Landwirtschaft. Viele wissen nicht mehr welche Anzahl Stunden Arbeit und wie viel Schweiß erforderlich sind, um ausreichend
Nahrungsmittel für die ganze Familie zu erzeugen, für ein ganzes Jahr. Ganz zu schweigen von den Unbilden der Natur, mit denen der Bauer zu rechnen hatte. Wochenlange Trockenheit oder ein Hagelschauer konnten dem Landbewohner das Leben schwer machen und sein Bemühen zu Nichte machen. Kein Wunder, dass sich die Menschen Schutzlos diesen Unbilden der Natur ausgeliefert sahen und daher ihrem Herrgott ihr Bemühen anvertrauten und ihn um seine Hilfe und seinen Segen baten. Weltweiter Handel mit Nahrungsmitteln garantiert heute – auch nach Unwettern und Katastrophen - ein ausreichendes Angebot zu jeder Jahreszeit. Dagegen war das Vertrauen der Bevölkerung in diese Bittgänge in früheren Zeiten groß.

In der Pfarre Reuland werden aber noch immer die Flur- oder „Wetterprozessionen“ gehalten, wenn auch in leicht veränderter Form. Den
Reigen der Prozessionen eröffnet die so genannte Markus-Prozession. Sie ist ursprünglich eine heidnische römische Stadtprozession gewesen um die Götter gnädig zu stimmen. Die Laren beschützten die Felder und das Haus, Pales hütete die Weiden, Saturn die Saat, Ceres das Wachstum des Getreides, Pomona die Baumfrüchte und Consus sowie Ops die Ernte.

Als das Christentum Staatsreligion wurde (4.Jh), wandelten sich oft die heidnischen Bräuche in christliche. Die Bittgänge hatten nun als zentrales Thema Gott um ein gutes Gedeihen der Felder und Fluren zu bitten. Zufällig fiel der Tag der alten Stadtprozession auf den Gedenktag des Hl.
Markus (25. April), so dass sie nun den Namen dieses wichtigen Heiligen erhielt und so in das Brauchtum des Abendlandes einging. Mit der Liturgiereform nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde sie offiziell für die Weltkirche abgeschafft. In vielen Ländern, Regionen und Orten hat sie sich allerdings bis auf den heutigen Tag erhalten. Sie bildet heute den „Auftakt“ zu den Bittprozessionen des Frühlings. In der Pfarre Reuland zieht die Markusprozession von Reuland aus und endet mit einem Gottesdienst in der Rektoratskirche von Bracht. Zwar findet sie nicht mehr genau am Markus-Gedenktag statt aber wohl in den Tagen danach.


Besonders an den 3 Bitttagen vor Christi Himmelfahrt zog es zu früheren Zeiten die Menschen hinaus in Gottes Natur. An diesen Tagen zogen die Prozessionen jeweils in eine andere Himmelsrichtung aus. Noch heute besteht dieser Brauch in Reuland, so
führen die Bittprozessionen an den Tagen vor Christi Himmelfahrt nach Weweler, Alster und Lascheid. Im Bittgang wird der gütige Gott gebeten, mit seiner milden väterlichen Hand die Fluren zu segnen, die Früchte der Erde zu erhalten, und alle Tiere mit Segen zu erfüllen und ihnen Speis zu gelegener Zeit zu geben. Auch für die Menschen soll die notwendige Nahrung gegeben sein.

Bittgänge sind ein Jahrtausend altes und geschätztes Zeichen, den Glauben an Gott, an die Macht des vertrauenden Gebetes und die helfende Fürsprache der Heiligen zu bekunden. Stationen dieser Bittprozessionen waren Flurkreuze. Dort wurde im Gebet daran erinnert, dass der Mensch zwar vieles auf den Fluren und Feldern säen kann, dass aber alles was wächst Gottes Werk ist. An der letzten Station endet dann der Flursegen mit dem Lied „Großer Gott wir loben Dich“.

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