Montag, 6. Juni 2011

„Die Stunde Jesu“ - unsere Stunde

Wenn wir die vier Evangelien miteinander vergleichen, dann fällt auf, dass uns der Evangelist Johannes einen ganz anderen Jesus zeigt als Matthäus, Markus und Lukas. Dort spricht Jesus meist in Gleichnissen, in einfacher und verständlicher Sprache. Bei Johannes muss man mehrmals nachlesen - so dicht ist hier die Sprache. Ein Beispiel ist die Rede von "seiner Stunde" (vgl. Joh 17,1-11).

Die "Stunde Jesu"

Das ganze Johannesevangelium läuft auf „die Stunde Jesu“ zu. Die heutige Szene spielt sich im Garten Getsemani ab. Jesus steht hier knapp vor den entscheidenden Stunden seines Lebens. Er weiß, dass er verfolgt wird; er weiß, dass nach seinem Leben getrachtet wird. - Die Stunde der Entscheidung steht bevor - es ist die Stunde der „Wahrheit“, wo sich erweisen muss: Ist sein Glaube wahr; wird sein Vater ihn nicht fallenlassen? Es ist die Stunde, wo alles auf dem Spiel steht.
Jesus erhob seine Augen zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht. Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt. (Joh 17,1-2)
Jesus blickt nicht ängstlich auf diese Stunde: Sondern er spricht von der Verherrlichung. In der Stunde seines Todes wird Gott verherrlicht. - Das, was für die Menschen wie das Ende der Träume aussieht, wie eine Niederlage - es ist der Sieg über den Tod und über das Böse. Dadurch wird Gott verherrlicht, indem er an Jesu Auferstehung zeigt, dass er der Herr über den Tod ist.
Es gibt ein schönes altes Wort, mit dem frühere Generationen den Tod eines Menschen umschrieben: „Er oder sie hat das Zeitliche gesegnet!“ Der Sinn dieser Wendung erschließt sich den meisten heute wohl kaum noch ohne Weiteres. Das zeigt schon der morgendliche Blick in die Zeitung, wo die Todesanzeigen in der Regel nicht mehr mit einem tröstenden Bibelwort, sondern oft mit dem Satz überschrieben sind: „Gekämpft, gehofft und doch verloren!“ Wer stirbt, hat im Wettlauf mit der Zeit den Kürzeren gezogen und nicht alle Lebensmöglichkeiten, die sich ihm boten, ausschöpfen können. Wer stirbt, gilt als Verlierer in einer Gesellschaft von Siegern, die noch einmal davon gekommen sind.
„Er oder sie hat das Zeitliche gesegnet“ - das bringt demgegenüber ein bewusstes und gelassenes Abschiednehmen ins Bild. Ein Mensch stirbt. Er segnet die Zeit, die ihm zu leben vergönnt war, und die Menschen, die er zurücklässt.

Das so genannte hohepriesterliche Gebet (siehe oben), ist das Gebet eines Menschen im Angesicht des eigenen Todes: „Vater, die Stunde ist da“, betet Jesus.
Jetzt am Ende seines öffentlichen Wirkens ist diese Stunde da. Sie ist die Stunde seines Todes, aber auch jene Stunde, in der sich die Liebe offenbart, mit der Gott den Tod überwindet.

„Die Stunde Jesu“ - unsere Stunde

Diese entscheidende Stunde der Wahrheit wartet auf einen jeden, eine jede von uns. Gelassen können wir dann auch unserer Stunde entgegengehen. Wir gehen im Tod ja nicht verloren, sondern haben in der Liebe Gottes Bestand. In diesem Vertrauen können wir endgültig leben und die Auferstehung vom Tod erwarten.

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