Montag, 18. Juli 2011

Loslassen: Gewinn oder Verlust?

Jesus sagte zu seinen Jüngern: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen (Mt 10,37-39).

Erinnern Sie sich an Bhagwan, jenen indischen Guru, der Frauen und Männer nahezu jeden Alters dazu bewegte, alles zurückzulassen, Heimat, Arbeit, Familie, um seiner Person willen?

Erinnern Sie sich an die Tragödie einer amerikanischen Sekte, deren Führer die
Sektenangehörigen dazu brachte, im Gehorsam gegenüber seiner Person kollektiven Selbstmord zu begehen?
Erinnern Sie sich an Hitler, oder näherliegend vielleicht Ceausescu, die mit Berufung darauf, dass sie wissen, worin das Heil der Menschen besteht, diesen unsägliche Opfer bis hin zum eigenen Leben abverlangten?

Sagen wir hier nicht mit Überzeugung, dass diese religiösen und politischen Führer das Recht der Menschen auf Selbstbestimmung und Selbstverantwortung missachtet, dass sie Menschen massiv beeinflusst und fremdbestimmt haben? Klingt nicht der Satz aus dem Evangelium ,,Wer sein Leben um meinetwillen ...” (V 39) fatal ähnlich?

Um meinetwillen: Hoffnung auf das geglückte Leben

Wer genauer hin schaut wird merken, dass das Wort Jesu „Wer um meinetwillen ...“ natürlich anders klingt. Dann geht es nicht darum, ob und inwieweit ich mich von einem anderen Menschen bestimmen lasse, sondern dann stehen wirklich mein Heil, das Gelingen meiner Existenz auf dem Spiel. Und dann ist Jesus der Garant dafür, dass die Sehnsucht nach Ganzheit und die Hoffnung auf das geglückte Leben nicht illusionär sind. Nehmen wir genauer in den Blick, was den Weg dorthin kennzeichnet:

Verstrickung in familiäre Bindungen lösen (V37)

Jeder Mensch muss sein Ziel des Lebens finden, dabei sind andere Menschen, besonders natürlich die Familie unverzichtbar wichtig. Aber wieviel Unglück ist auf der anderen Seite nicht schon daraus entstanden, dass erwachsene Kinder geglaubt
haben, sich nicht aus familiären Bindungen lösen zu dürfen, aus Rücksicht auf Vater und Mutter?

Wenn jemand seine Aufgabe im Leben erahnt und sich nicht auf den Weg macht aus der Befürchtung heraus, vielleicht nun Vater, Mutter, aber auch Sohn und Tochter zu enttäuschen, allein zu lassen - wie viel Trauer, Wut, ungestillte Sehnsucht wird sich hier ansammeln! Natürlich tut es weh, wenn ich meinen Weg gehe und dabei das Nichtverstehen der Menschen, die mir nahe sind, aushalten muss. Auch Jesus hat dieses Unverständnis seiner Familie, wie es sich an manchen Stellen des Evangeliums zeigt, aushalten müssen. Aber nur dieser Aufbruch aus abgelebten Beziehungen bringt mich der aufgegebenen Ganzheit meines Lebens näher.


Sein Kreuz auf sich nehmen (V 38)

Und dann werde ich nicht umhin können, mein Kreuz auf mich zu nehmen so
wie Jesus es im wörtlichen Sinn getan hat. Es kann hier nicht darum gehen, sich möglichst viel Leid zu wünschen - es gibt auf dieser Erde viel zu viel Leid bei Christen und Nichtchristen - aber es geht um eine Grundhaltung, aus der heraus Christen bereit sind, um der Heilsamkeit und Ganzheit des Lebens willen auch die Schmerzen auf dem Weg dorthin auf sich zu nehmen. Was dies für den einzelnen bedeutet, wird so unterschiedlich und vielfiätig sein, wie es Lebensschicksale gibt.

Gewinn und Verlust im Leben (V 39)

Aber jeder neue Schritt bedeutet zunächst Verlust: Verlust von Sicherheit der
gebahnten Wege, Verlust von Weggefährten, Verlust von Vertrautem, aber erst, wenn ich mich auf dieses Risiko der Freiheit einlasse, kann sich die Verheißung des Neuen
zeigen. „Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren“, d. h. wer mit krampfhaften Händen durch das Leben geht, damit ja nichts von dem bereits Erreichten, sei es Geld oder Status, seien es Überzeugungen oder Beziehungen verlorengeht, wird vielleicht irgendwann mit leeren Händen dastehen, denn das Festhaltenwollen macht blind für das Neue, Heilsame, das sich uns im Glauben an die Verheißung Jesu vom Reich Gottes immer wieder eröffnen kann.

Wenn ich versuche, aus dieser Verheißung in der von Gott geschenkten Freiheit zu leben, so wie es die Evangelien von Jesus überliefert haben, dann habe ich keine Garantie dafür, dass mein Leben nach üblichen Maßstäben erfolgreich sein wird, ich kann es, wie Jesus sagt, verlieren. Aber ich habe, von Jesus verbürgt, die Gewissheit, dass es nicht sinnlos gewesen sein wird, es wird ein Schritt auf dem Weg gewesen sein zu dem, was die Bibel Glück, Heil, Erlösung nennt, ich werde das Leben gewinnen.
Brigitte Kast, in: Der Prediger und Katechet, Wewel Verlag, 1990

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