Samstag, 27. August 2011

"Unser Kind soll es einmal besser haben"

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Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden, aber am dritten Tag werde er auferstehen. Da nahm ihn Petrus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. (Mt 16,21-23)

Im Evangelium hörten wir, dass Jesus seinen Jüngern von dem Schweren erzählt, das ihm bevorsteht. Gott schont auch seinen eigenen Sohn nicht. Er lässt auch Jesus das Schwere, das Kreuz tragen, das alle Menschen tragen müssen.
Ich möchte aus dem Leben eines Menschen erzählen. Ich nenne ihn Daniel. Daniel ist jetzt dreißig Jahre alt - und er ist ein Versager. Dabei hatte alles so gut angefangen. Seine Eltern hatten ihn abgöttisch lieb; er war so „ein süßer’Kleiner“. Die Eltern selbst hatten es in ihrer Kindheit nicht leicht gehabt. Darum sagten sie immer wieder: „Unser Daniel soll es besser haben!“ Jede Mühe nahmen sie ihm ab. Wenn Daniel einen Wunsch hatte, erfüllten sie ihm diesen Wunsch. Verzichten, das lernte Daniel nicht. Wenn es etwas zu tun gab, was Daniel selbst hätte tun können, taten es die Mutter oder der Vater für ihn. Wenn es neues Spielzeug gab: Daniel bekam es.
So ging das weiter. Daniel kam aus der Schule. Alles taten die Eltern für ihn. Durch die Beziehungen seines Vaters bekam er eine Stelle. Er leistete nichts, aber durch die Beziehungen seines Vaters verlor er die Stelle nicht. Er lernte nicht, sich zu helfen, mal einen Knopf anzunähen, mal eine Hose aufzubügeln, sich selbst mal ein Spiegelei in der Pfanne zu braten - oder Bratkartoffeln. Alles tat seine Mutter für ihn.
Obwohl Daniel einen „schönen Lenz schob“, ging es ihm nicht schlecht, denn seine Eltern taten ja alles für ihn. Aber nun war er dreißig. Seine Eltern waren krank geworden und konnten nicht mehr. Jetzt hätte er auf eigenen Füßen stehen müssen. Aber das konnte er nicht. Er hatte es ja nicht gelernt. Jetzt hätte er sich anstrengen müssen. Aber das hatte er ja nicht gelernt. Jetzt hätte er sein Geld selbst verdienen müssen. Aber das hatte er ja nicht gelernt. Jetzt hätte er selbst zum Arbeitsamt gehen müssen, selbst bei Betrieben um Arbeit fragen müssen. Aber das hatte er ja nicht gelernt.
Lebensuntüchtig war er geworden, der Daniel. Und warum? (- - nun -) Weil seine Eltern es gut mit ihm meinten, aber schlecht mit ihm machten. Er sollte es gut haben, er sollte es besser haben als sie. Aber jetzt hatte er es schlechter. Das gut gemeinte Wohlwollen seiner Eltern hatte ihn lebensuntüchtig gemacht.
Menschen mit Lebenserfahrung wissen um die Wahrheit dessen, was die Geschichte von Daniel berichtet. Sie will uns sagen: Es hätte Daniel gut getan sich selbst anzustrengen, um lebenstüchtig zu werde. Er hätte lernen müssen, zu verzichten, auch mal Schweres auf sich zu nehmen. Er hätte sich selbst „die Hacken ablaufen müssen, um eine Arbeit zu bekommen. Er hätte sich sein Taschengeld selbst verdienen sollen, usw. Vieles nicht so Angenehme, das im Augenblick schwerer gewesen wäre, hätte dem Daniel gut getan. Dann wäre er jetzt kein Versager. Dann wäre er jetzt nicht ratlos, weil er nicht weiß, was aus seinem Leben wird.
Wer einen Menschen lieb hat, der muss sich gut überlegen, was er diesem Menschen „Gutes“ tut. Manches Gute tut man, das in Wirklichkeit schadet. Wer einen Menschen wirklich gern hat, der mutet ihm auch Schweres zu, der lässt ihn manche Last auch wirklich tragen. Das ist eine Hilfe zum Gelingen des Lebens.
„Das soll Gott verhüten!“, so sagte Petrus vorwurfsvoll zu Jesus, als er seinen Freunden von seinem bevorstehenden Leidensweg nach Jerusalem erzählte. Habt ihr eigentlich einmal weiter gedacht, was denn geworden wäre, hätte sich Jesus von Petrus umstimmen lassen? Dann hätten wir keinen Grund, am Sonntag zusammen zu kommen und unsere Erlösung zu feiern.

Ich habe schon öfters von alten Menschen aus ihrem Leben erzählt bekom­men: „Diese und jene Entwicklung in meinem Leben oder in meinem Beruf - als sie damals vor der Tür stand, da habe ich mich furchtbar gegen sie gewehrt. Aber mit den Jahren habe ich gespürt, wie das Unerwartete, das zunächst von mir Abgelehnte, meinem Leben eine neue, eine gute Wendung gegeben hat.“
Hätten wir nicht alle so etwas zu erzählen? Ein Abschied, eine Trennung machte mich selbständiger, ein scheinbarer beruflicher Rückschlag ließ mei­ne Kräfte neu und größer werden, an einer Krankheit oder einem Schicksalsschlag bin ich gewachsen ... Was in ein Leben einschneidet, ist oft eine ungeahnte Hilfe. Es bringt oft mehr voran als das Leichte und Angenehme. Vielleicht können wir hinter ihm sogar die gute Hand Gottes entdecken, der mich führen will zu mehr Leben, zum Leben in Fülle.
Und so verstehen wir auch umso klarer einen Kernsatz aus dem heutigen Evangelium: »Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer es aber um meinetwillen verliert, der wird es gewinnen für das ewige Leben.«
Unser Leben ist oft von schwierigen Wegstrecken gezeichnet. Sie bleiben keinem von uns erspart. Die Frage, warum Gott etwas zulässt, oder nicht zulässt ist nicht zu beantworten. Es gibt nur ein inneres Ringen. Es gibt nur das Vertrauen, dass bei Gott alles einen Sinn hat, auch wenn wir den im Augenblick nicht begreifen. Und es ist gut, dass es in diesen schwierigen Situationen Menschen gibt, die uns die Hand auf die Schulter legen und uns Mut machen und uns helfen durch dieses Unglück hindurch zu kommen damit wir trotzdem beten können: „Vater dein Wille geschehe“ oder wir beten vielleicht so: „Vater, hilf mir deinen Willen zu erkennen. Ich bitte nicht um eine kleinere Last, sondern um kräftigere Schultern.
Nach einer Vorlage von Heribert Arens, in: Der Prediger und Kathechet, Erich Wewel Verlag München, Heft 5/1987

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