Samstag, 13. August 2011

Vater der „Straßenkinder“ aus Gesundheitsgründen auf Heimaturlaub


Goldjubiläum erbrachte fast 9000 Euro für „Hexenkinder“
Von Lothar Klinges
Ein Jahr früher als vorgesehen ist Missionar Alex Goffinet aus gesundheitlichen Gründen auf Heimaturlaub nach Ostbelgien zurückgekehrt. Der 79-jährige Priester aus Bellevaux, der seit 52 Jahren in Schwarzafrika tätig ist, landete am 22. Juli auf dem Flughafen von Zaventem, um in Brüssel für seinen Einsatz in Kinshasa wieder „fit“ gemacht zu werden.
Denn an Rückzug denkt Pater Goffinet nicht, im Gegenteil: „Wenn die medizinischen Untersuchungen gut verlaufen, werde ich am 15. September wieder in den Kongo zurückfliegen“, freut er sich jetzt schon. „Mein Herz schlägt für Afrika.“
Spätestens beim goldenen Priesterjubiläum von Aloys Mertes Ende Juni in der St. Vither Pfarrkirche war ein Projekt in aller Munde, das Alex Goffinet vor vier Jahren ins Leben gerufen hat. Goldjubilar Aloys Mertes hatte zu seinem Fest auf jegliche Geschenke verzichtet und darum gebeten, den Straßenkindern in Lumbumbashi die Chance auf ein besseres Leben zu geben. Als der Afrika-Missionar erfuhr, dass fast 9000 Euro aus dem Goldjubiläumsfest für sein Projekt gespendet wurden, war er einfach sprachlos. „Das ist ja wunderbar. Damit ist unserem Projekt über Jahre hinaus geholfen.“
Vor elf Jahren wurde Alex Goffinet nach Lumbumbashi, der großen aber heruntergekommenen Minenstadt im Süden des Kongo, berufen. In dieser Millionenstadt gründete er 2007 ein Hilfswerk, das sich der Straßenkinder annimmt.
Es gibt im bitterarmen Kongo viele Gründe, weshalb Kinder auf der Straße landen. Ein besonders tragischer und weit verbreiteter: Die Kinder werden verstoßen, weil man sie der Hexerei und Zauberei bezichtigt. Wird eine Familie von einem Unglück getroffen oder gerät in Armut, wird ein Sündenbock gesucht. In der Regel trifft es alte Menschen oder eben Kinder. Diese werden verstoßen und landen auf der Straße. Ein Aberglaube, der im Kongo weit verbreitet sei, weiß Pater Alex. Manchmal muss dieser Irrsinn aber auch als Vorwand herhalten, um einen lästigen Esser los zu werden. Besonders oft sei dies dann der Fall, wenn die Eltern sterben und Verwandte für die Kinder sorgen sollten, weiß der Afrikamissionar.
Die Kinder müssen sich durch Betteln, Schuhe putzen, als Gepäckträger oder mit Diebstahl durchs Leben schlagen. „Nachts schlafen sie irgendwo in der Stadt auf Pappkarton unter freiem Himmel“, berichtet der Afrikamissionar.
Dem Provinzgouverneur und der Stadtverwaltung waren die Kinder bald ein Dorn im Auge. So entschlossen sich die Behörden zu drakonischen Maßnahmen. Weit vor der Stadt wurde ein „Heim“ errichtet. 850 Kinder wurden darin „eingesperrt“, wie es Alex Goffinet bezeichnet; hinter hohen Mauern und Soldaten als Bewacher. Die Kinder hätten zwar zu essen bekommen, sonst habe man sie aber nicht gefördert, schüttelt der "Vater der Straßenkinder" den Kopf. Viele Kinder rissen aus und landeten wieder auf der Straße.
Dieser himmelschreienden Not nahm sich Alex Goffinet an und suchte Familien, die bereit waren, diese verwahrlosten „Hexenkinder“ aufzunehmen. „In seltenen Fällen konnten wir die Großeltern, Tanten oder Onkeln der Kinder ausfindig machen.“ Während sich der Ursulinen-Orden vor allem der gestrandeten Mädchen annimmt, betreut Alex Goffinet die Jungen, von denen zehn in einem Kinderheim aufgenommen wurden. Er finanziert die schulische Ausbildung der Kinder, damit die Kinder aus dem Kreislauf der Armut ausbrechen können. „Wir kommen für die medizinische Versorgung, saubere Kleidung und den Schulbesuch auf“, erklärt Alex Goffinet weiter. Somit können die Kinder sowohl die Volks- als auch die Mittelschule besuchen. Mit 300 US-Dollar im Jahr erfahren die Schüler eine gute Ausbildung an der Technischen Schule der Salesianer, „der besten Schule in Lumbumbashi“. Sie werden ausgebildet als Automechaniker, Schuster, Schweißer, Schreiner, Informatiker oder Maurer. An den staatlichen Schulen sei die Ausbildung äußerst mangelhaft, da die Abwesenheitsrate der Lehrpersonen, die lediglich 20 Euro im Monat verdienen, sehr hoch sei und auch das Schulmaterial fehle, erklärt Alex Goffinet. Somit blieben meist nur die Ordensschulen und die Einrichtungen in privater Trägerschaft, die im Kongo eine gute Schul- und Berufsausbildung sicherten.
„Es sind sehr gute Jungen, trotz ihres noch so kurzen und doch schon so dramatischen Lebens“, weiß Pater Goffinet. „Aus ihrer Ursprungsfamilie wurden sie verstoßen, manche unter ihnen wollten sich sogar das Leben nehmen, weil sie keine Zukunft sahen“, berichtet er von mehreren Einzelfällen.
Vor einem Jahr wurde sogar das UN-Kinderhilfswerk UNICEF auf die Situation der Straßenkinder in Lumbumbashi aufmerksam. Seit 2010 erhält Pater Goffinet seitens UNICEF für jedes Kind 100 US-Dollar im Jahr. Auch unterstützt sein Neffe André Karthäuser aus Xhoffraix tatkräftig das Hilfswerk, indem er bisher fünfzehn Paten gefunden hat, die mindestens 150 Dollar pro Jahr für ein Kind beitragen, mit dem sie eine persönliche Beziehung aufbauen können. Pater Alex Goffinet möchte den Eifeler Missionsgruppen, den Missionsfreunden der Dekanate Büllingen und St.Vith, den Paten, dem UN-Kinderhilfswerk und nicht zuletzt dem Krankenhausseelsorger und Priester im St.Vither Pfarrverband, Aloys Mertes, danken, der mit seiner Aktion dem Projekt der Straßenkinder eine wertvolle Hilfe war. „Mit diesen Spenden können wir nicht nur die laufenden Kosten begleichen, sondern auch einen Reservefonds anlegen, um jedem unserer Schüler den Abschluss eines Studiums zu ermöglichen.“
Neue Aufgabe
Mitte September wird Alex Goffinet nach Lumbumbashi zurückkehren. Er wird sich dort aber nur wenige Tage aufhalten, denn ihm wurde mit 79 Jahren inzwischen eine neue Aufgabe übertragen. Er wurde zum geistlichen Begleiter am Priesterseminar von Kinshasa ernannt, wo ihm unter anderem auch die 35 Priesteramtskandidaten seines Ordens der Weißen Väter anvertraut sind. Das Hilfswerk der Straßenkinder wird allerdings weiter geführt und in die Hände zwei seiner Mitbrüder gelegt. Der 68-jährige deutsche Missionar Helmut Simonowsky und der 48-jährige Bruder Bruno Perlein aus dem flämischen Nordfrankreich in der Nähe von Lille, übernehmen ab dann die Aufgabe von Alex Goffinet.

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