Samstag, 19. November 2011

ICH bin der Hirte

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Heute, am Christkönigssonntag, wird uns in der ersten Lesung das Bild des Hirten vorgestellt. Das Bild vom Hirten ist uns vertraut, weniger allerdings aus unserer Lebenswirklichkeit, vielmehr aus den Bildern vom guten Hirten, von Jesus, wie er dem verlorenen Schaf nachgeht und es rettet, und natürlich von Jahwe, dem Hirten seines Volkes Israel.

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Lesung aus dem Buch Ezechiel ( 34,11-17) So spricht Gott, der Herr: Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Wie ein Hirt sich um die Tiere seiner Herde kümmert an dem Tag, an dem er mitten unter den Schafen ist, die sich verirrt haben, so kümmere ich mich um meine Schafe und hole sie zurück von all den Orten, wohin sie sich am dunklen, düsteren Tag zerstreut haben. Ich führe sie aus den Völkern heraus, ich hole sie aus den Ländern zusammen und bringe sie in ihr Land. Ich führe sie in den Bergen Israels auf die Weide, in den Tälern und an allen bewohnten Orten des Landes. Auf gute Weide will ich sie führen, im Bergland Israels werden ihre Weideplätze sein. Dort sollen sie auf guten Weideplätzen lagern, auf den Bergen Israels sollen sie fette Weide finden. Ich werde meine Schafe auf die Weide führen, ich werde sie ruhen lassen - Spruch Gottes, des Herrn. Die verloren gegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden, die schwachen kräftigen, die fetten und starken behüten. Ich will ihr Hirt sein und für sie sorgen, wie es recht ist. Ihr aber, meine Herde - so spricht Gott, der Herr -, ich sorge für Recht zwischen Schafen und Schafen, zwischen Widdern und Böcken.



Vergegenwärtigen wir uns die damalige Situaion: Das Volk Israel war von Babylon überrannt, Jerusalem zerstört. Viele, vor allem aus den herrschenden Schichten, waren nach Babylon in die Verbannung verschleppt. Der Prophet Ezechiel war mit darunter. In Verbannung und Ohnmacht drohte das Volk seine Identität zu verlieren: den Glauben an Jahwe, seinen Gott. Da versucht Ezechiel, sein Volk wieder aufzurichten, das Vertrauen auf Jahwe zu wecken und zu stärken. Der eine Teil seiner Rede ist eine harte Kritik an den Priestern und Mächtigen des Volkes, die ihre Macht ausgenützt haben, um selber ein bequemes Leben zu führen. Sie haben sich auf Kosten der Armen reich gemacht und eine unselige Machtpolitik ausgeübt, die nur die eigene Position sichern sollte, letztlich aber das ganze Volk in den Abgrund führte. So hatten die Hirten den Glauben an Jahwe verraten. Auf ihrem Hintergrund verstehen wir erst den Text der heutigen Lesung, der Heilsverheißung Gottes für sein Volk.


Gott bleibt der Gott seines Volkes

Die Worte der Lesung bekommen auf einmal einen deutlich polemischen Ton: ICH kümmere mich jetzt um meine Schafe. ICH hole sie zurück von allen Orten, wohin sie am dunklen, düsteren Tag verstreut wurden. ICH will sie suchen, die Verletzten verbinden und die Schwachen stärken. ICH will die Fetten und Starken behüten, und ich will sie auch davor schützen, auf Kosten der Armen und Schwachen noch fetter und stärker zu werden. Allen wird gesagt: Die Hirten, die ich eingesetzt habe, haben versagt. Jetzt nehme ich selber wieder die Fäden in die Hand. Das ist ein Wort der Hoffnung für die Versprengten und ein Ruf zur Umkehr für alle, die ihre Macht für sich missbraucht haben.

Und wir?

Wie hören wir dieses Wort vom Hirten? Überall dort, wo wir uns verletzt fühlen, wo wir unsere Ohnmacht, unsere Angst spüren, da dürfen wir dieses Wort als Einladung zum Vertrauen hören. Wir sind nicht allein, wir sind nicht endgültig am Boden zerstört. Wir können neue Hoffnung schöpfen, neue Kraft. Wir können wieder aufrecht gehen, weil er alles, was uns niederbeugt und zerdrückt, von uns nimmt. Darin zeigt Gott auch heute, dass ER der Hirte und König ist.


Wir dürfen uns diese Zusage zu Herzen gehen lassen, dort, wo die Traurigkeit und Angst uns sonst überwältigen. Gerade da, im letzten Winkel unserer Ohnmacht, ist Gott gegenwärtig mit seiner heilenden und aufrichtenden Macht. Ich möchte das noch konkreter sagen: Überall dort, wo ich unterdrückt bin, in unserer Gesellschaft oder auch in unserer Kirche, als Homosexueller, als Alleinerziehende, die von ihrem Mann verlassen ist und von Sozialhilfe leben
-->als Wohnungsloser, als Arbeitsloser - überall dort ist der Hirte auf meiner Seite, verficht meine Sache, ist mein Anwalt.

Leben wir davon? Sind wir überzeugt davon, so dass es uns aufrecht erhält und Mut schöpfen lässt? Das ist die Einladung dieses Textes, dieses Festes
von Christus, von Jesus, dem König und Hirten.

Die Konsequenz: Gottes Reich


Aber dann müssen wir auch den kritischen Teil der Gottesrede hören, wie sie uns Ezechiel weitersagen will; überall dort, wo ich zu den Starken und Reichen gehöre, da muss ich mich fragen, ob die Kritik des Propheten auch mir gilt. Jeder und jede von uns hat auch Macht als Eltern, als Männer, in unserem Beruf als Vorgesetzter, als Pfarrer, als Bischof oder Papst, als politisch denkender und handelnder Mensch, als Teil des reichen Drittels unserer Menschheit, oder einfach nur, weil ich reden kann oder eine bessere Ausbildung habe. Überall dort muss ich mich fragen, ob ich die andern vertreibe oder suche, ob ich sie unterdrücke oder ihnen zum Leben verhelfe, ob ich verletze oder ob ich Verletzte verbinde. Denn wir alle sollen Hirten füreinander sein im Sinne des Herrn.

Da entscheidet es sich, ob wir die Rede Gottes bei Ezechiel so hören, wie sie auch uns zugedacht ist: als Trost und als Ruf zur Umkehr, als Kraft und als Korrektur für unser Leben, als heilendes und richtendes Eingreifen Gottes in unsere Welt. Denn in diesen Worten wird deutlich, wie Gott die Welt und die Menschen will. ER will die Welt wieder so haben, wie er sie ursprünglich gedacht hat. Er will für das Recht sorgen zwischen den Schafen und zwischen den Widdern, zwischen den Menschen und zwischen den Staaten, zwischen Nord und Süd.

Babylon hatte damals die Versprengten und Verschleppten aus Israel in seinen Mauern. Wir haben heute die Asylsuchenden und Vertriebenen in unseren Grenzen. Wie gehen wir mit ihnen um?

Der heutige Text des Propheten Ezechiel und das heutige Christkönigsfest sind nicht in einem frommen Winkel zu verstecken. Es geht um die Ordnung unseres Zusammenlebens in der Welt, unseres Zusammenlebens im privaten Bereich, im Beruf und in unserer Gesellschaft, auch in unserer Weltgesellschaft. Viele auf der Welt treten heute im Sinne Jahwes, im Sinne seines Propheten Ezechiel, im Sinne und im Geiste Jesu dafür ein, oft unter Einsatz ihres Lebens. Sie werden Märtyrer im Dienst am Leben der Menschen.

Das Wort Gottes und das Zeugnis der Männer und Frauen, die dafür ihr Leben einsetzen, sind für uns Einladung zu neuem Leben. Denn unser Gott will das Leben aller Menschen, das menschenwürdige Leben! Dafür tritt er ein durch Ezechiel, durch Jesus, durch uns als seine Prophetinnen und Propheten. Dafür wollen wir ihn feiern. Dafür wollen wir ihm danken. 

 
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(Ferdinand Kerstiens, Ich bin der Hirte, in: Neue Predigten zum alten Testament, Franz-Josef Ortkemper (Hrsg.), Kath. Bibnelwerk, 1992.)

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