Montag, 12. Dezember 2011

Die „Seherin von Banneux“, Mariette Beco, verstorben


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Ein realistisches Mädchen mit wenig Erfindungsgabe

Von Lothar Klinges

Am Morgen des 2. Dezember verstarb im Alter von 90 Jahren in einem Seniorenheim in Banneux Mariette Beco, die „Seherin von Banneux“. Ihr ist die Jungfrau Maria zwischen dem 15. Januar und dem 2. März 1933 achtmal erschienen. Die Begräbnisfeier findet am heutigen Mittwoch, um 11 Uhr in der großen Pilgerkirche statt.


Auch 78 Jahre nach den Ereignissen von Banneux führte die Seherin Mariette Beco, die viele Leiden durchstehen musste, ein ruhiges Leben. Sie lebte eine tiefe Verbundenheit zu ihrem Sohn und den Enkelkindern. Mariette hat sehr unter dem Tod ihrer beiden Töchter gelitten, eine Tochter starb als Baby, die andere 2008. Gegenüber dem vorigen Rektor von Banneux, Joseph Cassart, äußerte sie sich wie folgt: „Es ist mir gegeben, all das zu leben, damit ich alles verstehen kann.“ So lebte sie zurückgezogen ihren Glauben in aller Diskretion, nur wenige Kilometer von Banneux entfernt, weiterhin dem Heiligtum verbunden. Ihrem Wort ist sie dabei treu geblieben: „Meine Aufgabe war lediglich eine Botschaft zu überbringen und wie ein Briefträger, nachdem er den Brief abgegeben hat, mich wieder zurückzuziehen.“


„Ich bin die Jungfrau der Armen. Ich bin die Mutter des Erlösers, die Mutter Gottes.“ Mit diesen Worten stellt sich die Jungfrau Maria vor, als sie Mariette Beco erscheint. „Diese Quelle ist mir vorbehalten; sie ist da für alle Nationen, für die Kranken. Ich komme, das Leiden zu lindern.“ So beschreibt sie ihren Auftrag. „Tauche deine Hände in das Wasser! Bete viel!“ Das ist die Bitte, die sie 1933 an die damals elfjährige Mariette richtet. Es ist 78 Jahre her, dass die Jungfrau der Armen dem kleinen Mädchen aus äußerst bescheidenen Verhältnissen, der ältesten Tochter einer kinderreichen Familie, erschienen ist. Am 15. Januar 1933 hat die elfjährige Mariette Beco zum ersten Mal die Erscheinung einer lichtstrahlenden Frauengestalt. In insgesamt acht Erscheinungen bis zum 2. März sagt die Lichtgestalt dem Mädchen, sie sei „die Jungfrau der Armen“ und gekommen, um „Leid zu lindern“. Sie zeigt dem Kind im Wald eine Quelle, die sie ausdrücklich „für alle Nationen“ und „für die Kranken“ bestimmt.

Am 22. August 1949 hat Bischof Kerkhofs offiziell die Echtheit der Erscheinungen erklärt. Der Bischof hat sich somit sechzehn Jahre Zeit gelassen, einerseits um das Dossier genauestens untersuchen zu lassen, aber auch um zu sehen, was sich in Banneux abspielte.

Die Skepsis des Bischofs rührte daher, dass bereits zwischen November 1932 und Januar 1933 die Mutter Gottes angeblich sechsundzwanzig Mal in Beauraing erschienen war. „Da kam die Frage auf, ob Mariette Beco nur eine Trittbrettfahrerin war“, erläutert Leo Palm. „Könnte da nicht ein Mädchen auf den Gedanken kommen, sich vielleicht eine Erscheinung der Mutter Gottes herbeizusehnen.“ Die Experten waren sich aber einig, dass Mariette Beco „ein sehr realistisches Mädchen mit wenig Erfindungsgabe war.“ Dies bezeugten alle Experten, die sie untersucht haben: „Mariette Beco ist ein Kind ohne jegliche Fantasie.“

Hinzu kommt, dass ihr Vater bezeugte, dass sie ihn noch nie angelogen habe. „Das waren doch zwei Bemerkungen, die für die Echtheit der Erscheinungen sprachen“, folgert Leo Palm. „Der damalige Bischof hat gut daran getan, die Sache nicht zu schnell anzuerkennen.“

Moralisch sicher

Von Seiten des Papstes habe der Bischof auch Richtlinien erhalten, denn Rom habe ein Mitspracherecht. Im Jahr 1949 habe der Vatikan dem Bischof freie Hand gegeben, so dass er die Erscheinungen anerkennen konnte. Im Hirtenbrief vom 22. August 1949 habe der Bischof geschrieben, dass er guten Gewissens und ohne Einschränkung die Erscheinungen anerkennen könne. „Es ist für mich moralisch gesehen sicher, dass die Mutter Gottes der kleinen Mariette Beco achtmal erschienen ist“, bestätigte Bischof Kerkhofs.

Der Bischof habe hier einen Unterschied zwischen „moralisch“ und „wissenschaftlich sicher“ gemacht. Wenn jemand etwas bezeuge, wo der Glaube mitspielt, könne er nur moralisch sicher sein. Niemand könne wissenschaftlich beweisen, dass die Mutter Gottes in Banneux erschienen ist. Es handele sich hierbei um die Sicherheit, die man Zeugen gibt, denen man wahrhaft vertrauen kann.

War Mariette Beco eine Trittbrettfahrerin?


Als es im Jahr 1933 zu den angeblichen Erscheinungen in Banneux kam, glaubte man zunächst, die Seherin Mariette Beco sei eine Trittbrettfahrerin.

Der damalige Kaplan von Banneux, Louis Jamin, war überdies überrascht. Er war Anfang Januar 1933 nach Beauraing gepilgert. Beim Verlassen des Ortes hatte er seinen Mitpilgern gegenüber geäußert, dass sie gemeinsam eine Novene beten sollten, damit die Mutter Gottes ein Zeichen gebe, dass sie in Beauraing wirklich erschienen sei. „Im Traum hat er nicht daran gedacht, dass dieses Zeichen die Erscheinungen von Banneux sein sollten“, erzählt Rektor Leo Palm.


Dann ist es am 10. Tag nach der Pilgerfahrt zu der ersten Erscheinung in Banneux gekommen. Der Priester wird sich wohl gedacht haben, das sei des Guten zu viel. Er hatte um ein Zeichen gebeten, an dem man erkennen konnte, dass Maria in Beauraing wirklich erschienen war, aber dass sie direkt nach Banneux kommen und einem kleinen Mädchen erscheinen würde, hat er sich nicht erträumen lassen. Er hat sich gesagt, das sei wohl zu schön, um wahr zu sein. So ist er auf Distanz und dem Geschehen in Banneux gegenüber skeptisch geblieben. Er hat Mariette zwar nach jeder Erscheinung befragt, so auch am 21. Januar, nach der vierten Erscheinung, als Mariette Beco einen Ohnmachtsanfall erlitte, nachdem ihr Maria die Hände aufgelegt hatte, um sie zu segnen. Rektor Leo Palm berichtet weiter, der Kaplan sei davon ausgegangen, dass sich die Mutter Gottes nunmehr verabschiedet habe und nicht wiederkomme. Trotzdem habe es die kleine Mariette jeden Abend zum Rosenkranzgebet nach draußen gezogen. Drei Wochen lang habe sie im Gebet ausgeharrt. Am 11. Februar sei die Mutter Gottes wiederum erschienen und habe ihr dann die Kernbotschaft mitgeteilt: „Ich komme das Leid zu lindern.“ Mariette sei glücklich gewesen, dass der Kaplan nicht recht behalten habe. Bei der letzten Erscheinung am 2. März, habe Maria ihr nochmals die Hände aufgelegt und sie gesegnet und dann nicht „Auf Wiedersehen“, sondern „Adieu“, „Lebe wohl“, gesagt.


Bei der sechsten Erscheinung habe Kaplan Jamin der Seherin den Auftrag gegeben, um ein Zeichen zu bitten. Die Gottesmutter habe dem Mädchen gesagt: „Glaubt an mich, ich glaube an euch.“ Mit dieser Aussage seien dem Priester die Augen aufgegangen und sie habe ihn mitten ins Herz getroffen, da er die Erfahrung gemacht habe, dass es zunächst des Glaubens bedarf. Er, der bis dahin so skeptisch war, sei zum Befürworter der Erscheinungen geworden. Kurz vor seinem Tod habe er gesagt, das größte Wunder von Banneux sei seine eigene Bekehrung gewesen.

Kaplan Jamin steckte nämlich damals in einer Glaubenskrise, weil sich einer seiner Mitbrüder das Leben genommen hatte. Die Erscheinungen von Banneux machten ihn zu einem im Glauben gefestigten Menschen und Priester.

Für den aus Wirtzfeld stammenden Banneux-Rektor Leo Palm sind diese Aussagen hilfreich, um zu verstehen, warum der Kaplan zunächst reserviert war. Auf die Bitte um ein Zeichen bekam er die Antwort „Glaubt“. So wünscht sich der Rektor, dass die Menschen, die nach Banneux kommen, nicht zunächst Zeichen sehen wollen, um glauben zu können, sondern erst einmal zu glauben versuchen und danach möglicherweise die Zeichen erhalten. (kli)



Vom 15. Januar bis zum 2. März 1933

Die acht Erscheinungen im Einzelnen

Als die erste von insgesamt acht Erscheinungen am 15. Januar 1933 gegen 19.00 Uhr auf sie zukam, erwartete Mariette Beco etwas ganz anderes als Visionen. Ihr zehnjähriger Bruder sollte nämlich nach Hause kommen. Sie stand am Fenster und schaute nach ihm in die dunkle Nacht hinaus. Da sah sie draußen im Garten eine leuchtende Frauengestalt. Daraufhin winkte die fremde Gestalt sie zu sich. Die Mutter aber verbot ihrer Tochter hinauszugehen und schloss die Haustür ab.

Drei Tage später, am 18. Januar, fühlte Mariette sich gedrängt, gegen 19.00 Uhr in den Garten hinauszugehen und dort bei minus 12 Grad kniend den Rosenkranz zu beten. Sie erlebte die zweite Erscheinung, und zwei weitere an den beiden folgenden Tagen. Wieder machte die Gestalt Mariette bei der zweiten Erscheinung ein Zeichen, ihr zu folgen und führte Mariette über die Straße bis hin zu einer kleinen Quelle, die dort in der Nähe entspringt.

Unterwegs ist das Mädchen zweimal auf die Knie gefallen. Nach diesem Schema liefen auch die nachfolgenden Erscheinungen ab. An der Quelle sagte Maria an diesem Abend zu Mariette: „Tauche Deine Hände ins Wasser“ und weiter: „Diese Quelle ist für mich reserviert.“

Am folgenden Abend fragt die Seherin gleich beim Erscheinen Marias im Garten: „Wer sind Sie, schöne Frau?“ – Antwort: „Ich bin die Jungfrau der Armen.“ An der Quelle angekommen, will Mariette eine Sache vom Vortag aufgeklärt haben, die ihr schleierhaft ist. Die Aussage „Diese Quelle ist für mich reserviert“ hat sie, wie alle Aussagen Marias, wiederholt, und dann ist der Satz ihr im Gedächtnis haften geblieben. Daher fragt sie jetzt: „Schöne Frau, Sie haben gestern gesagt: Diese Quelle ist für mich reserviert. Warum für mich?“, und zeigt dabei auf sich selbst. Auf ihre Frage hin erklärt die Dame, wozu sie, Maria, die Quelle gebrauchen kann: „Diese Quelle ist reserviert für alle Nationen“ – und dann, nach einer Pause: „… um den Kranken Linderung zu verschaffen.“ Anschließend sagt Maria: „Ich werde für dich beten“ – das einzige Mal, wo sie das Mädchen duzt.

Bei der vierten Erscheinung fragte Mariette: „Was wünschen Sie, schöne Frau?“ – Die Antwort: „Ich wünschte mir eine kleine Kapelle.“ Dann legte die Erscheinung eine Pause von drei Wochen ein. Mariette aber ging jeden Abend um 19.00 Uhr hinaus, betete und wartete bis zum 11. Februar.

Bei der fünften Erscheinung tauchte Mariette noch einmal die Hand in das Wasser der Quelle und zeichnete mit dem Kreuz ihres Rosenkranzes ein Kreuz über sich. Dann empfing sie ein Wort Mariens: „Ich komme, um das Leiden zu lindern.“

Die sechste Erscheinung am 15. Februar brachte als Neuheit, dass Mariettes Mutter erstmals dabei war. Die Seherin sagte zu Maria: „Der Herr Kaplan hat mich gebeten, Sie um ein Zeichen zu bitten.“ – Die Antwort: “Glaubt an mich, dann glaube ich an euch. Betet viel.“

Am 20. Februar sagte Maria zu Mariette: „Mein liebes Kind, beten Sie viel“, bei der achten und letzten Erscheinung am 2. März erklärte sie: „Ich bin die Mutter des Erlösers, Mutter Gottes. Beten Sie viel.“ Dann fügte sie hinzu: „Adieu“, indem sie das Kind durch Handauflegung und Kreuzzeichen segnete.

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