Sonntag, 18. Dezember 2011

Laien leiten Begräbnisfeiern

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Am 1. Januar 2012 tritt das bischöfliche Dekret über die Leitung von Begräbnisfeiern durch Laien in Kraft.

Von Lothar Klinges

Beerdigungen durch Laien sind in manchen Diözesen mittlerweile eine schon seit längerer Zeit geübte und selbstverständlich gewordene Praxis. Auch im Bistum Lüttich ist bereits seit längerem ein Denkprozess im Gange. Am 1. Januar 2012 tritt nunmehr ein bischöfliches Dekret über die Leitung von Begräbnisfeiern durch Laien in Kraft.



Der Begräbnisdienst gehört zwar zu den besonderen Aufgaben eines Pfarrers, ist aber nicht an die Weihe gebunden. Daher können auch geeignete und beauftragte Laien Beerdigungen leiten.


Tote zu bestatten ist das Recht aller Getauften


Bereits die bischöflichen Orientierungen von Dezember 2010, die im Februar 2011 in Kraft traten, besagen, dass Eucharistie- und Begräbnisfeier entkoppelt werden sollen und so auch von Laien vollzogen werden können. Das jüngste Dekret ist im Grunde eine Ausführungsbestimmung die darauf hinweist, dass Laien zu dieser Aufgabe ausgebildet und beauftragt werden. „Das erste Dekret ist eigentlich die theologische Grundlage, die besagt, dass es Aufgabe der Gesamtgemeinde ist, ihre Toten zu bestatten“, erklärt Karl-Heinz Calles aus Eupen, Koordinator des Arbeitskreises „Kirchliche Erwachsenenbildung“ (AKE).



Der Auslöser dieses Dekretes sei zwar der Rückgang der Priester, aber das dürfe nicht der eigentliche Grund sein, betont der 62-jährige Priester. „Es wäre schade, wenn man es nur bei diesem Auslöser beließe.“ Grundsätzlich sei es das „angeborene Recht“ der Laien, Tote zu bestatten. Das Dekret verweise zwar auf die konkrete Notsituation, dass die anfallenden Beerdigungen nicht mehr alleine von den immer weniger werdenden Priestern geleitet werden können. Es müsse grundlegender über die Aufgabe der Christengemeinden nachgedacht werden, erklärt Karl-Heinz Calles.




Für den Leiter des Hauses „Samaria“ in der Eupener Judenstraße liegt der Hintergrund des Dekretes darin, dass es Auftrag der Christengemeinden ist, ihre Toten zu bestatten. Die Priester hätten diesen Dienst bisher immer als Vertreter der Gemeinde getan, aber jeder Getaufte dürfe diesen Dienst ausüben.



„Der Rückgang der Priesterzahlen eröffnet nunmehr die Gelegenheit, den Gläubigen dieses angeborene Recht der Getauften zurückzugeben.“ Das priesterliche Amt habe im Laufe der Zeit zu viele Aufgaben an sich gezogen, die eigentlich allen Getauften zukäme. „Tote bestatten ist nicht an Amtsträger gebunden.“ Als die Priester diese Aufgabe wahrnahmen, wurde die Bestattung mit einer Eucharistie verbunden. Die Eucharistie sei aber eine eigenständige Feier des Sonntags, die im Laufe der Zeit mit allen möglichen Anlässen verbunden worden seien, so zum Beispiel mit Beerdigungen und Trauungen.



„Mit dem Dekret kehren wir zu den Ursprüngen der Bestattung der Toten durch die Gemeinde zurück“, unterstreicht Karl-Heinz Calles. Die Priester könnten diese Aufgabe weiter ausüben, aber nicht Kraft ihres Weiheamtes, sondern als getaufte Christen.

Christen bereiten sich auf ihre Aufgabe vor



In der vergangenen Woche startete erstmals in Ostbelgien ein einjähriger Kurs zur Ausbildung von Laien für die Leitung der Begräbnisfeiern. Zwölf Personen, acht Frauen und vier Männer, nehmen an dem Lehrgang teil, um allmählich in diese neue Aufgabe hineinzuwachsen und sie mit Leben zu erfüllen, vier Personen aus dem Dekanat Eupen-Kelmis und acht Personen aus den beiden Eifeldekananten Büllingen und St.Vith. Die Treffen finden monatlich am Mittwochvormittag im Betanienraum an der Eupener St.Nikolaus-Pfarrkirche statt. Die meisten Teilnehmer/innen sind Rentner/innen, die sich am Vormittag frei machen können, da die Begräbnisse hierzulande (noch) vormittags stattfinden.




„Die Bestattungsleiter(innen) wachsen in eine neue Rolle hinein, die sie mit ihrer Person, Kreativität und Eigenart ausfüllen werden.“ Karl-Heinz Calles betont, dass es nicht nur darum geht, sich Wissen anzueignen, das man im Nachhinein einfach anwendet. Es gehe vor allem darum, seinen persönlichen Weg bei der Leitung von Begräbnisfeiern zu finden, um von seinem Glauben Zeugnis zu geben und die Riten und Hilfestellungen bei der liturgischen Feier mit Leben zu erfüllen.



Neben diesem ersten Aspekt komme noch die Aneignung inhaltlicher Kompetenzen hinzu, so zum Beispiel der Umgang mit der Bibel und die Auswahl von Schrifttexten, die Gestaltung der Begräbnisfeier und die Vorbereitung einer Beerdigungsansprache. Bei der Ausbildung wird auch großer Wert auf praktische Übungen gelegt, so z. B. das Segnen, das nicht wenigen Christen noch ungewohnt ist.

Voraussetzungen, um Begräbnisfeiern zu leiten

Aufgaben der Leiter(innen)

Vom Sterbebesuch bis zur Verabschiedung am Grab

Für Karl-Heinz Calles müssen die Leiterinnen und Leiter von Begräbnisfeiern zwei Voraussetzungen mitbringen. Zunächst müssen sie Menschen mit einem sicheren Glauben an das Ostergeschehen, an die Auferstehung Jesu und an die eigene Auferstehung sein. „Sie müssen im Glauben verwurzelt sein, dass wir mit Christus auferstehen und dass das Leben eine Zukunft über den Tod hinaus hat.“




Eine zweite Voraussetzung besteht darin, dass sie sich auch mit dem eigenen Tod konfrontiert haben oder bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen, um mit der nötigen Gelassenheit eine Sterbesituation, der sie begegnen, angehen zu können.



Alle anderen Kompetenzen wie das Eingehen auf die Trauer, das richtige Zuhören oder das Führen eines Gespräches können sich die Kursteilnehmer im Laufe der Ausbildung aneignen. Die Laien werden vom Bischof beauftragt, nachdem sie die nötige Ausbildung erhalten haben. Ihre Aufgabe wird vor allem bei der Leitung der liturgischen Feier sichtbar. Der Dienst greift aber über den Gottesdienst hinaus: vom Sterbebesuch in der Familie, wo es gilt, die Trauer der Familie aufzufangen, bis zur Verabschiedung am Grab. Die Situation ist dabei immer ganz verschieden, ob es sich um einen tragischen Sterbefall handelt oder um einen natürlichen Tod im hohen Alter. 
Pfarrkirche von Neundorf mit umliegenden Friedhof (B)

Das bischöfliche Dekret sieht vor, dass zwei Laien den Dienst gemeinsam ausüben. „Es ist dem Bischof wichtig, die Laien in dieser neuen Aufgabe zu bestärken. Zu Zweit fühlt man sich eben sicherer“, erläutert Karl-Heinz Calles, wenngleich diese Maßnahme auch auf Kritik gestoßen sei. „Wiegt denn ein Priester oder ein Diakon zwei Laien auf?“ Das könnte diskriminierend verstanden werden. Aber die Maßnahme ist ergriffen worden, damit die Laien in ihrer Aufgabe einander stützen und bestärken können.



In den vergangenen Wochen hat Karl-Heinz Calles in Vorbereitung auf den Kurs die Mitglieder des Seelsorgerates Ostbelgiens und die Priester und Pfarrassistenten in den Dekanatskonferenzen besucht. Die große Mehrheit der Priester sind für die neue Form offen und lassen sich darauf ein. Bei dem einen oder anderen habe es zwar auch Bedenken gegeben, den Dienst der Leitung von Begräbnisfeiern loszulassen, was verständlich ist. Für die Priester bietet ein Sterbefall die Möglichkeit zu einer tiefen Begegnung mit der Familie, für die der Tod eines Angehörigen ein wichtiger Augenblick ist. Der Seelsorger fühlt sich in besonderer Weise zu dieser Aufgabe berufen, hier kann er sich einbringen und seine Identität leben. Karl-Heinz Calles betont nochmals, dass der Begräbnisdienst Aufgabe eines jeden Seelsorgers sei, und das greife weit über die Amtsträger hinaus. Die meisten Priester haben sich bereit erklärt, an dem Mentalitätsumschwung mitzuarbeiten, die Bestattung ohne Eucharistie (Messe) zu feiern. Pfarrverbände, wo diese neue Form bereits praktiziert wird, haben damit bereits gute Erfahrungen sammeln können, „wenn die Menschen es einmal erlebt haben.“



Dem Bischof liegt es sehr am Herzen, dass auch in Zukunft würdige Begräbnisfeiern mit der nötigen Ruhe möglich bleiben. Nicht wenige Priester fühlen sich mit zu vielen Beerdigungsfeiern überfordert. Ein Sterbebesuch ist eine zeitintensive und herausfordernde Aufgabe. Wer das mehrfach am Tag machen muss, fühlt sich nicht selten überfordert. Auch das gehört mit zur würdigen Verabschiedung.



Für viele Menschen ist es noch ungewohnt, wenn ein Laie die Begräbnisfeier leitet. „In der Vergangenheit ist den Menschen immer wieder gesagt worden, dass der Vermittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und den Menschen, nur der Amtsträger ist“, erklärt hierzu Karl-Heinz Calles. Jeder aber sei berufen Seelsorger am nächsten zu sein, so wie er auch sein eigener Seelsorger ist, d. h. Sorge um das Heil der eigenen Seele tragen soll. (kli)

Die Form ändert sich, die Botschaft bleibt

Ein würdiger Dienst am Menschen und keine Entsorgung

Die Kirche ist in unserer Gegend die einzige Institution, die für alle einen Abschiedsritus anbietet. Dabei leistet einen doppelten Dienst.



Einerseits bestattet sie die Menschen, die sich zur Christengemeinde zugehörig fühlen. Aber sie leistet auch vielen Fernstehenden, die einen lockeren Bezug zu Glauben und Kirche haben, den Dienst einer würdigen Bestattung. Viele Menschen würden sich zurzeit in unserer Gegend verloren fühlen, wenn sie alleine mit einem Sarg zum Friedhof gehen müssten, meint Karl-Heinz Calles. „Es ist sehr sinnvoll, dass die Kirche diese Aufgabe als einen Dienst am Menschen wahrnimmt“, betont der Eupener Priester. Es sei zudem eine Gelegenheit, den Menschen etwas von der Hoffungsbotschaft des Evangeliums zu vermitteln, ohne daraus eine Evangelisierung machen zu wollen. Gerade für diese Zielgruppe seien die Bestattungen ohne Eucharistie die bessere Form. Bei einer Eucharistiefeier würden diese Menschen etwas mitmachen, in das sie nicht einsteigen können, weil sie mit diesem Geheimnis nicht vertraut sind. Eine Begräbnisfeier ohne Eucharistie (Messe) ermöglicht viele Gestaltungsmöglichkeiten (Symbole, Beiträge, Musik, usw.). Für Fernstehende sei dies die angepasste Form, die sie nicht überfordert, und damit auch ein echter Dienst an diesen Menschen.





Mit der Entkoppelung der Begräbnisfeier von der Eucharistie (Messe) ändert sich zwar die Form, was aber bleibt ist die Botschaft Jesu, die in einem Gebetsrahmen sowohl für Kirchennahe als auch für Kirchenferne vermittelt wird. „Es geht um einen würdigen Dienst am Menschen aus der Glaubensperspektive heraus und nicht um dessen Entsorgung“, betont Karl-Heinz Calles. „Die Bestattung ist die Feier der Erfüllung eines Lebens.“ Hier kommt die Sinngebung der christlichen Botschaft zum Tragen. „Für die einen ist es eine Feier des Glaubens für andere eine Feier des Nachdenkens, des Suchens, des Hörens einer Trostbotschaft, die sie teils annehmen oder teils anzweifeln.“



In den Pfarrverbänden muss in der nächsten Zeit eine Einteilung gefunden werden, den Dienst zwischen Priester und beauftragten Laien zum Beispiel nach Wochen- oder Tagesplänen aufzuteilen. „Es wäre gut, einen sachlichen Verteilerschlüssel zu finden, an welchem Tag der Priester oder der Laie den Dienst ausübt, um den Eindruck von Bestattungen erster und zweiter Klasse, mit oder ohne Priester, zu verhindern“, meint Karl-Heinz Calles abschließend. (kli)

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