Freitag, 16. Dezember 2011

"Lieber Gott, mach mich fromm...“

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"Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ Ein altes Kindergebet. Es klingt harmlos. Aber ganz so harmlos ist es nicht.   "Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ - das heißt doch: Wenn ich nicht fromm bin, komme ich nicht in den Himmel! Allein von meinem Tun hängt es ab, ob ich gerettet werde oder nicht. Also: Streng dich an und sei ein braves Kind! Und wenn diese Botschaft alles ist, was ein Mensch über den Glauben hört, dann wird’s problematisch. Denn dann wird der Glaube nur als etwas Mühsames erfahren, versehen mit dem erhobenen Zeigefinger: Du musst, du sollst, du darfst nicht! - und Gott als der, der ständig aufpasst, ob der Mensch auch wirklich brav ist. Das schlechte Gewissen ist vorprogrammiert - wer ist schon ein vollkommener Mensch? Wer ist schon immer brav? “Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ - ein gut gemeintes Kindergebet, manchmal aber mit fatalen Folgen.

Der Apostel Paulus schreibt: Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Gericht Gottes gerettet werden. Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Gottes Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben.  Mehr noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben. 

Was der Apostel Paulus im Römerbrief schreibt, das spricht von einem ganz anderen Gott und von einer ganz anderen Glaubenserfahrung. Dieser Gott ist nicht erst dann gnädig und versöhnt, wenn wir brav sind, sondern Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Hier ist die Reihenfolge genau umgekehrt! Nicht: Ich bin gut und fromm, und deswegen liebt mich Gott; sondern Gott liebt mich, und deswegen versuche ich, so zu leben, wie Der es will und für richtig hält, der mich so sehr liebt - alles andere wäre unehrlich. Noch einmal Paulus: „Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Gottes Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben“. Also: Wir sind gerettet, wir müssen uns unsere Rettung nicht erst noch erkämpfen!

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Ich könnte jetzt sagen: Da ich sowieso mein Schäfchen im Trockenen habe, kann ich tun und lassen, was ich will, ohne Rücksicht auf Moral und Gebote - ich bin ja gerettet! Wer so denkt, hat Paulus gründlich missverstanden. Ich kann die Liebe Gottes nicht damit beantworten, dass ich seine Schöpfungsordnung missachte. Das hieße, Liebe mit Füßen zu treten.   Andererseits, und das ist das Befreiende, was aus der Feststellung des Paulus folgt: Da ich bereits gerettet bin durch Christi Leben und Sterben, ist für mich der Glaube nicht eine Zuchtanstalt, die mich häufig überfordert und mir dann ein schlechtes Gewissen einredet; der Glaube ist vielmehr eine Beziehung, die mich in meinem Leben trägt, bereichert und ermutigt. Weil Gott sich bereits für mich entschieden hat, habe ich nun Kopf, Herz und Hände frei für ein menschlicheres Leben, für ein Leben mit mehr Liebe, Gelassenheit und Barmherzigkeit: Glaube als Befreiung, nicht als Einengung und Zwang; Glaube als Genuss, nicht als Leistung. Und das alte Kindergebet: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“! - es müsste, wenn ich die Aussage von Paulus im Römerbrief wirklich ernst nehme, eigentlich so heißen: “Lieber Gott, weil du mich liebst, du mir auch den Himmel gibst“.


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