Samstag, 21. Januar 2012

„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“ - Gedanken zur Sonntagslesung



„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, so sagen wir umgangssprachlich und ahmen damit eine Redewendung der Politikersprache nach. In der Spannung zwischen Untergangsstimmung und der Hoffnung, dass der Untergang doch noch abgewendet werden kann, bewegen sich auch die Lesungen des heutigen Tages. Besonders anschauend und bewegend ist dabei die Geschichte des Jona. Sowohl Jona als auch Jesus rufen die Menschen zur Umkehr auf. Ihre Worte gelten uns! Kehren wir um, fangen wir HEUTE damit an. Fangen wir unsere Beziehung mit Gott, mit Jesus, jeden Tag neu an zu leben. Auch die Beziehung zu den Mitmenschen, die nicht immer leicht zu leben ist, sollen wir jeden Tag neu überdenken.


In der ersten der heutigen Lesungen des 3. Sonntags im Jahreskreis hören wir von dem Propheten Jona, der von Gott nach Ninive geschickt wird: Das Wort des Herrn erging an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus (Jona 3,1-5.10).

 „Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde“. Das hört sich ungefähr so an, als wenn der Vater zu den sich streitenden Kindern sagt: „Hört das bald auf mit den Streitereien, wenn ich komme, dann könnt ihr was erleben“.

Es wirkt so, als müsse sich Gott noch einfallen lassen, was er an Strafe vorgesehen hat für Ninive. Vielleicht vertraut er ja auch darauf, dass dem Propheten schon etwas einfallen wird. Auch darüber, was die Menschen der Stadt Ninive sich zu Schulden haben kommen lassen, schweigt das Buch Jona. Es wird am Beginn des Buches nur von der „Schlechtigkeit“ der Stadt Ninive erzählt, aber nichts konkretes.

Vielleicht ist es die dichterische Freiheit, die den Erzähler der Jonageschichte dazu veranlasst, ganz entscheidende Dinge wegzulassen. Das hat zur Folge dass jeder, der die Geschichte hört, sich so einiges darunter vorstellen kann, zum Beispiel seine eigene Schlechtigkeit. Die Geschichte will uns letztlich wegführen von den Niniveten hin zu uns.

Bisher hatte Jona sich immer gesträubt, nach Ninive zu gehen und Gott es Auftrag auszuführen. Er war geflohen und Gott hat ziemlich viel Aufwand  betreiben müssen, den Propheten doch noch nach Ninive zu bekommen.

Die Stadt Ninive wird uns als große Stadt vorgestellt. Drei Tage brauchte man, um sie zu durchschreiten. Jona geht einen Tag lang in die von Grund auf verdorbene Stadt hinein. Er kündigt ihnen an: „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört“. Da geschieht etwas Unglaubliches. Die Bevölkerung bekehrt sich tatsächlich und kehrt um. Vom König bis zum armen Schlucker: alle sind bereit umzukehren, ihre Fehler einzusehen und einen Neubeginn zu machen. Damit hatte keiner gerechnet, am wenigsten Jona. Er hätte viel lieber gesehen, dass Gott ganz grausam dreinschlägt und die Stadt mitsamt allen Einwohnern zerstören würde.

Aber Gott ist anders! Als er merkt, dass die Einwohner von Ninive sich bekehren wollen, da gibt er ihnen eine neue Chance. Gott traut uns eine Kehrtwende zu.

Umkehr, so will uns das Buch Jona lehren, kann etwas sehr Vernünftiges sein. Wenn ich mit einem kleinen Boot auf einem See unterwegs bin und es braut sich ein Unwetter über mir zusammen, wäre es dumm und bedrohlich, nicht sofort umzukehren, Richtung Ufer. Umkehren ist weder eine Schande noch ein Zeichen mangelnden Mutes. Denn Umkehr kann in diesem Sinne etwas sehr Notwendiges für uns Menschen sein. Sie kann sogar Lebensnotwendig sein.

- Umkehren heißt für mich ganz konkret: in alltäglichen Dingen, in meinem Lebensumfeld bewusst hinzuschauen, wo etwas nicht stimmt, wo ein Schritt meinerseits getan werden müsste.

- Umkehren kann auch heißen: meine eigene Würde wieder neu zu entdecken. Was meine ich damit? Ich meine damit, dass ich in Essen und Trinken oder anderen Genussmitteln vielleicht die Kontrolle über mich verloren habe. - Oder in puncto Beziehungen: Kann ich meinem Ehepartner oder meiner Ehepartnerin noch ehrlich in die Augen schauen, oder muss ich bei mir einmal aufräumen und klare Verhältnisse schaffen?

- Umkehren kann auch heißen: mich neu auf Gottes Wort auszurichten, um die Kraft seiner Worte in meinem Alltag neu zu erfahren und noch mehr darauf zu vertrauen.


Umkehr ist, so gesehen, echte Lebenshilfe für uns, auch wenn es mitunter schwer fällt, sich neu zu orientieren. Eine Geschichte will uns das verdeutlichen: Ein Mann sitzt in einem Bummelzug. Bei jeder Station steckt er den Kopf zum Fenster hinaus, liest den Ortsnamen und stöhnt. Nach vier oder fünf Stationen fragt ihn sein Gegenüber besorgt: „Tut Ihnen etwas weh? Sie stöhnen so entsetzlich.” Da antwortete er: ,,Eigentlich müsste ich aussteigen, ich fahre dauernd in die falsche Richtung. Aber hier drinnen ist es so schön warm.”

Ja, wir wissen es oft selbst, dass wir im falschen Zug sitzen oder auf der falschen Straße unterwegs sind. Aber Umkehren setzt eine gewisse Kraftanstrengung voraus. Wenn wir uns aber einmal zum Umkehren entschlossen haben und die ersten Schritte auf dem richtigen Weg gegangen sind, dann merken wir auch, wie befreiend das sein kann.

Es lohnt sich das Buch Jona einmal ganz zu lesen. Es ist eines der kleinsten in der Bibel. In sehr menschlich gedachten Bildern erzählt es von der großen Güte Gottes. Gott ist barmherzig. Er verschont die Stadt Ninive auch wenn Jona das lieber anders gesehen hätte. Es will uns sagen Gott traut uns eine Kehrtwende zu. Umkehr ist immer möglich. Gott wartet nur darauf! Nutzen wir die Chance.



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