Donnerstag, 12. Januar 2012

Im Fokus: Das Buch Kohelet


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Es gibt in der Heiligen Schrift ein merkwürdiges Buch. Seine Überschrift lautet: ,,Worte Kohelets, des Davidsohnes, der König in Jerusalem war“. Es zählt zur Weisheitsliteratur der Heiligen Schrift.

Das Buch besitzt keinen fest bestimmten Aufbau, sondern enthält Variationen über ein einheitliches Thema: die Nichtigkeit der menschlichen Dinge. Am Anfang und am Ende  heißt es ausdrücklich, alles ist trügerisch: das Wissen, der Reichtum, die Liebe, ja das Leben selbst. Dieses ist nur eine Folge von Vorgängen ohne Zusammenhang und ohne Bedeutung, das Ende ist das Alter, und der Tod, der gleichermaßen Weise und Toren, Reiche und Arme, Tiere und Menschen trifft.


-->Kohelet bewegt die gleiche Frage wie Ijob: Finden das Gute und das Böse ihre Vergeltung auf Erden? Und wie die Antwort Ijobs, so ist auch die des Kohelet negativ, denn die Erfahrung widerspricht den überkommenen Antworten. Nur sucht Kohelet – anders als Iob -  nicht nach Griinden des Leidens, sondern er stellt die Flüchtigkeit des Glückes fest und findet seinen Trost im Genießen jener bescheidenen Freuden, die das Dasein zu geben vermag. Oder besser gesagt, er versucht sich zu trösten, denn er bleibt von Anfang bis Ende unbefriedigt. Das Geheimnis des Jenseits quält ihn, ohne dass er eine Lösung erblickt. Dennoch ist Kohelet ein Glaubender, und wenn er sich auch am Gang der Geschicke, wie Gott sie lenkt, stößt, so sagt er doch, dass Gott keine Rechenschaft zu geben braucht, dass man aus seiner Hand die Leiden wie die Freuden annehmen soll, dass man die Gebote halten und Gott fürchten soll. Die philosophischen Betrachtungen sind häufig mit sprichwortartigen Lehren und Grundsätzen verwoben.

Schauen wir einige Verse des Buches an: Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.

Denn es kommt vor, dass ein Mensch, dessen Besitz durch Wissen, Können und Erfolg erworben wurde, ihn einem andern, der sich nicht dafür angestrengt hat, als dessen Anteil überlassen muss. Auch das ist Windhauch und etwas Schlimmes, das häufig vorkommt. Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt? Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe. Auch das ist Windhauch (1,2.2,21-23).



Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch Mit diesen Worten beginnt und endet eines der merkwürdigsten Bücher der Bibel. – Windhauch - meint hier wohl soviel wie Nichtigkeit und Vergänglichkeit. Alles, so scheint die Botschaft dieses Weisheitslehrers zu lauten, alles ist sinnlos, vergeblich und zwecklos. Gleich fünf mal wiederholt er zu Beginn des Buches das Wort „Windhauch“ wohl um der Hervorhebung der Nichtigkeit allen menschlichen Handelns!



Kohelets Erfahrungen, die er unerbittlich analysiert und festhält, sind - das müssen wir zugeben - nicht einfach von der Hand zu weisen.  Er untermauert seine These mit einem Beispiel: Da hat es ein Mensch aufgrund eigener Anstrengungen zu beachtlichem Wohlstand gebracht, muss diesen aber noch zu Lebzeiten an einen anderen abgeben.



Der geschilderte Fall gibt Anlass zu einer grundsätzlichen Bewertung des menschlichen Daseins in der Welt: "Was erhält der Mensch dann durch seinen ganzen Besitz und durch das Gespinst seines Geistes, für die er sich unter der Sonne anstrengt“? Diese rhetorische Frage wird negativ beantwortet: „Trotz aller Mühe und trotz allen Strebens seines Verstandes bleibt dem Menschen unter dem Strich nichts“, ein Gedanke den der letzte Vers in einem drastischen Bild entfaltet: "Alle Tage besteht sein Geschäft nur aus Sorge und Ärger, und selbst in der Nacht kommt sein Geist nicht zur Ruhe“.  



Seien wir ehrlich, wir müssen Kohelet darin zustimmen, denn nur weniges von dem, was unseren Alltag ausmacht, hat wirklich Bestand. Vieles erweist sich bei näherem Hinsehen tatsächlich als Windhauch und windig. Erfolg ist heute wie zu allen Zeiten etwas Relatives.



Ruhelosigkeit ist ein Kennzeichen unserer Zeit, in der Sprüche wie "Wer rastet, der rostet“ oder  “Stillstand bedeutet Rückschritt“ den Ton angeben und uns einreden wollen, dass im Erfolg und Fortschritt der wahre Sinn unseres Lebens liege. Der Prediger und Weisheitslehrer Kohelet will uns offensichtlich warnen, uns selbst nicht allzu wichtig nehmen. Wir rackern und mühen uns ab, halten uns für das Maß aller Dinge  und übersehen dabei, dass unser Dasein im letzten unerklärbar und unbegreifbar ist.



Das Buch Kohelet bietet keinen billigen Trost, aber es ist  zumindest ehrlich und  warnt uns solche Gedanken zu verdrängen.

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