Sonntag, 15. Januar 2012

Wort Gottes für den Tag, 16. Januar 2012

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Aus dem Buch der Weisheit: Es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die trotzige Auflehnung. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst (Weish 12,13.16-19).


Justizia
Vielleicht habt auch ihr schon Menschen getroffen, von denen ihr sagt: “Er oder sie weiß sein Leben souverän zu gestalten. Dies können Menschen sein, die sich nicht gleich von jeder Meinung beeinflussen lassen, die selbständig eine eigene Meinung finden, die andererseits aber auch so tolerant sind, dass sie ihr eigenes Leben nicht zum Maßstab für eine allgemeine Ethik machen.



Toleranz - diesen Begriff führen wir zwar alle im Munde aber ich bezweifle, dass wir ihn auch wirklich schon verinnerlicht haben. Wir sind meist so lange tolerant, wie uns die Meinung oder das Verhalten der anderen nicht stört.



In dem kleinen Ausschnitt aus dem Buch der Weisheit wird uns Gott als sehr tolerant vorgestellt. Es wird da gesagt, dass er ein “menschenfreundlicher Gott“ ist. Er richtet in Milde und behandelt uns mit großer Nachsicht und gewährt uns immer wieder die Chance zur Umkehr. Dieses Gottesbild treffen wir sehr oft in der Bibel an, leider ist es nicht immer in rechtem Maße den Menschen vermittelt worden.



Für das Buch der Weisheit ist Gott der ganz andere; er ist die Toleranz in Person, nicht weil er schwach ist, sondern weil er stark und souverän ist. Er steht eben über allem, so, wie ich eingangs sagte, wie wir manche Menschen auch kennen, die in sich selbst fest stehen und nicht beeinflussbar sind. Eben diese Stärke gibt ihnen die Möglichkeit anderen gegenüber tolerant zu sein, aber auch zu richten so wie es ihm recht ist.



Diese Toleranz Gottes spricht Jesus an, wenn er seinen Zuhörern wieder einmal ein Gleichnis vorträgt, das aus ihrem Leben gegriffen ist. Er vergleicht das Himmelreich mit einem Acker, wo der Besitzer Samen ausstreut und wo dann zugleich mit dem Weizen auch der Unkrautsame aufgeht und wächst. Dieses Bild, vom Sämann Gottes treffen wir öfter in der Bibel an. Nach biblischem Verständnis sät Gott die Menschen aus und irgendwann erscheint er zur Ernte.

Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.  Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune (Mt 13, 24-30).

Auch in einer Zeit, die nicht mehr von der Landwirtschaft geprägt ist, versteht jeder, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen will. Denn nicht bloß die Gartenbesitzer unter uns, wir alle haben uns herumzuschlagen mit dem Problem des Unkrauts im Weizen. Wo gibt es schon ein Feld ohne Unkraut? Wo gibt es eine Partei, deren Programm und deren praktisches Tun uns wirklich hundertprozentig zusagt? Wo gibt es einen Verein, einen Chor, eine Gruppe, bei der uns jedes Gesicht passt, im Vorstand und bei den Mitgliedern? Wo gibt es einen Betrieb, in dem alles reibungslos läuft, wo keiner etwas falsch macht, wo Unternehmer, Arbeitnehmer und Kunden alle voll zufrieden sind?  Wo ist ein Medikament, das nicht auch schädliche Nebenwirkungen hat? Wo gibt es einen Menschen mit nur guten Eigenschaften?



Wir müssen uns damit abfinden, dass es überall Unkraut gibt: technisches und menschliches Versagen, Unvollkommenheiten und Schwächen. Die Welt ist nicht perfekt, ist nicht so heil, wie wir sie uns erträumen. Wir leben nicht im Paradies.



Bevor Jesus nun eingeht auf die Frage nach den Unkrautvernichtungsmitteln, will er uns warnen vor einer gefährlichen Selbsttäuschung. Wir meinen ja leicht: Nur bei den anderen gibt es Unkraut. Was in meinem Garten wächst, sind lauter Blumen. Was ich säe, ist guter Same. Wie ich meine Kinder erziehe, das ist die einzig richtige Methode. Wie ich das Evangelium verstehe und auslege ist die einzig wahre Methode. Wir sind im wahren Christentum. Alles andere ist vom Bösen. Was meine Partei sagt zu dieser oder jener Frage müssen alle als wahr und richtig erkennen, sonst liegen sie meiner Ansicht nach daneben.  Kurz um: Alles Fremde und Ungewohnte ist Unkraut und muss bekämpft und ausgerottet werden, so meinen wir!


Wer sich etwas auskennt in der  Kirchengeschichte, der weiß, zu welch traurigen Ergebnissen solch radikale Unkrautvernichtung geführt hat und heute noch führt.

Wer besessen ist von einer Idee und seinen eigenen Vogel gleich für den Heiligen Geist hält, der schlägt in seinem Fanatismus mehr kaputt, als er gutmacht, und wenn er es ursprünglich noch so gut meint. Denn etwas Gutes wollen sie ja alle, die Unkrautvernichter: ein Feld ohne Unkraut, eine ideale, heile Welt. Nur ist der Preis, den sie für ihre Utopie zahlen wollen - oder vielmehr, den andere dafür bezahlen müssen - zu hoch. Vielleicht versteht ihr von daher auch die Sorge Jesu, wir könnten in unserer heiligen Säuberungswut, in unserem Traum von einer perfekten Gesellschaft, von der heilen Familie und einer Kirche der Heiligen, zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen ausreißen.



Weil das so kompliziert ist mit dem Unkraut, mit dem Gefährlichen und Bösen, darum mahnt Jesus zur Vorsicht und zu Geduld. "Lasst beides wachsen bis zur Ernte!" Werdet nicht ungeduldig, will er sagen, wenn Unkraut und Weizen so dicht miteinander verwachsen sind, dass man es gar nicht sauber trennen kann, ohne Schaden anzurichten. Und prüft euch selbst, ob ihr nicht all zu schnell einem Menschen, einer Idee oder einer Bewegung den Stempel "Unkraut" aufdrückt nach dem Motto: Aus dem wird nie was werden ! Der ist total verdorben ! Der gehört nicht zu uns ! Das ist nicht mehr katholisch !



Woher sind wir so sicher, dass das was uns als Unkraut erscheint, auch in Gottes Augen Unkraut ist, dass das "sogenannte Böse" auch von Gott böse genannt und verworfen wird am Tag der Ernte? Kein Mensch ist nur gut oder total böse. Keine Sache nur nützlich - oder nur schädlich. Keine Idee nur richtig oder völlig falsch. Alles hat seine zwei Seiten. Was dem einen nutzt, schadet unter Umständen dem anderen. Dieselbe Distel, an welcher der eine sich sticht und die er wütend zertritt, dieselbe Distel stellt sich vielleicht ein anderer auf den Tisch in die Vase und freut sich daran. Was heißt da "Un-kraut"? Möglicherweise kann das Un-kraut sogar eine heilsame Medizin sein. Darum vorsichtig sein mit dem ausreißen!



Das bedeutet sicher nicht, wir sollten das Unkraut einfach Weizen nennen. Nein! Wir müssen sogar kritisch sein. Und Toleranz heißt nicht Beliebigkeit. Wir dürfen durchaus unsere eigene Meinung haben und vertreten. Aber lassen wir den anderen auch die Ihre. Im heutigen Evangelium wird uns von Jesus klar und deutlich gesagt: “Lasst Unkraut und Frucht bis zur Ernte stehen!“ Erst bei der Ernte, also am Ende der Tage, wird zu entscheiden und zu unterscheiden sein. Und das ist nicht unsere Aufgabe, sondern Gottes Aufgabe!  Und überprüft auch, ob nicht zufällig bei euch auch Unkraut wächst, das ausgemerzt werden müsste. Überprüft daher auch eure eigene Position immer wieder. Rechnet damit, dass ihr euch irren könnt. Und seid eurer selbst nicht zu sicher. Erst der Tag der Ernte wird den großen Durchblick bringen und die endgültige Scheidung der Geister. Und vielleicht bringt dieser Tag für viele die große Überraschung.


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