Samstag, 5. Mai 2012

"Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch" (Joh 15,4)



Jeder  weiß, dass eine Freundschaft nur dann lebendig und gut ist, wenn die Freunde sich umeinander bemühen, wenn sie sich Zeit füreinander nehmen und wenn sie den Kontakt zueinander halten. Auch Jesus wusste, dass das so ist. Deshalb sagt er zu seinen Anhängern und Freunden, dass es wichtig ist, miteinander in Verbindung zu bleiben.

Um den Jüngern zu zeigen, wie er sich das vorstellt, benutzt Jesus ein Beispiel aus der Landwirtschaft. Er erinnert sie an einen Weinstock, eine Pflanze, die ihnen vertraut ist: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. (Joh 15,1-5).

Im Frühjahr, nach dem Rebschnitt, sieht man nur den etwas dickeren knorrigen Weinstock und ein oder zwei dünnere Ästchen, die daraus wachsen. Das sind die Reben. Das Ganze wirkt ziemlich leblos und kahl, aber das ändert sich bald. Sobald es wärmer wird, fangen die Reben an zu knospen und zu wachsen. Nach einigen Wochen ist aus dem scheinbar leblosen Weinstock eine Pflanze mit großen  Blättern und Fruchtansätzen geworden.

Jesus sagt: "Bleibt in mir"

Dieses Wachsen an den Zweigen, an den Reben ist nur möglich geworden, weil sie Saft und Kraft aus dem Stamm, aus dem Weinstock gezogen haben. Die Äste, oder die Reben selbst haben von sich aus nicht die Kraft, zu blühen und Früchte zu tragen. Jesus gebraucht das Bild des Weinstocks, um seinen Freunden zu zeigen, wie für ihn eine lebendige Beziehung zu Gott aussehen sollte.

Um das Ganze richtig zu verstehen, müssen wir die gängige Sicht der Beziehung zwischen Gott und den Menschen ein wenig korrigieren. In der Beziehung zu Gott geht es nicht darum, Gott etwas zu geben, sondern etwas von ihm zu empfangen. Gott braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn. Das ist übrigens der Sinn jeden Gottesdienstes. Wir brauchen Gott nichts zu geben, ihm gehört sowieso alles. Wenn wir ihm etwas schenken wollen, dann  unser Herz und unsere offenen Ohren, damit die Verbindung zu ihm noch vertieft wird.  Darum noch einmal: Gott ist die Kraftquelle, er ist der Weinstock, wo der Saft drin  ist, nicht in uns, in den Zweigen, in den Reben ist der Saft, sondern im Weinstock. 

Darum auch die Aussage Jesu im Evangelium: „Wer in mir bleibt, der bringt reiche Frucht“. Mit ‘Frucht‘ bringen‘ ist nicht gemeint: Leistung zu bringen, sondern sein Leben gestalten, das genährt wird aus einer Kraftquelle heraus die ‘Gott‘ heißt. Wenn wir bereit sind das anzunehmen dann werden wir Veränderungen an uns erfahren und vielleicht noch mehr die Menschen um uns herum. Sie werden sehen und spüren: Dieser Mensch lebt nicht nur aus seiner eigenen Kraft, sondern aus einer Kraft ganz tief in seinem Innern.

Woran erkennen Menschen dass ich ein Christ bin?

Dass ich ein Christ bin erkennen die Menschen nicht an meinen moralischen Qualitäten, denn die haben andere auch, sondern an dem Vertrauen das mein Leben trägt durch alle Stürme des Lebens. Vor Gott kommt es nicht darauf an, dass ich Großes im Leben geleistet habe, sondern dass meine Verbindung zu ihm immer besser, immer tiefer, immer intensiver, vielleicht auch reifer wird. Letztlich kommt es nur darauf an, dass ich am Weinstock bleibe, dass ich die Verbindung halte, also nicht davon laufe, nicht mich freimache, sondern dass ich bleibe. Vielleicht auch dass ich mich hier und da einmal beschneiden lasse, dass ich mich auch einmal zurücknehmen muss, dass es nicht immer nur nach mir und meinem Kopf gehen kann.


In der Verbindung zum Herrn trägt mein Leben Früchte 
Entscheidend ist das Vertrauen, dass sich aus der Verbindung mit dem Herrn mein Leben mit allen darin steckenden Möglichkeiten entfalten kann; dass mein Leben erst in der Verbindung mit ihm zur Blüte kommt und meine Lebensmöglichkeiten, das, was in mir steckt, sich üppig entwickeln können und am Ende reiche Frucht bringen. Das ist das, was Jesus meint wenn er sagt: Wer in mir bleibt hat das Leben in Fülle.

Wirkliche Fülle, wirklich glückendes, sinnvolles Leben, wirklich tragfähige Freiheit gibt es, das ist die Botschaft des Gleichnisses vom Weinstock, und das ist meine feste Überzeugung, die gibt es nur in der Bindung an Gott.


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