Samstag, 26. Mai 2012

Pfingsten: Das Fest der Einheit in der Vielfalt


Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab. In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören? (Apg 2,1-8)

Ein Brausen vom Himmel her und Zungen wie von Feuer erschüttern die kleine Gemeinde, von Jesus-Anhängern, die sich am Pfingsttag in Jerusalem versammelt hat.

Sturm und Feuer – zwei elementare Kräfte, die tief bis in die Wurzeln erschüttern.


Doch nur so kann Neues hervorbrechen. Die Apostelgeschichte lässt jedenfalls keinen Zweifel daran: Was da am Pfingsttag mit den Jüngern geschieht, ist radikal. Es macht aus Angsthasen tapfere Männer und Frauen. Und keiner ist davon ausgenommen. Im Hl. Geist geschieht Neuschöpfung, völlige Erneuerung heraus aus vielen Gnadengaben, Diensten und Kräften, aus verschiedenen Nationen und Gruppen und Schichten hin zum einen Volk derer, die sich zu Jesus Christus bekennen.

Wir Menschen sind gewohnt, Unterschiede zwischen Gruppen und Nationen zu machen, wir sind gewohnt, dass wir Menschen so verschieden sind wie die bunte Farbtöpfe, die oft grell nebeneinander stehen. Am Pfingsttag, so heißt es in der Apostelgeschichte, konnten die aus vielen Orten und entsprechenden Sprachen in Jerusalem zusammengekommenen Juden die Apostel in ihrer Muttersprache verstehen. Doch man beachte: Es ist nicht so, dass plötzlich alle eine Sprache sprechen, sondern die Apostel scheinen viele Sprachen sprechen zu können!

Pfingsten ist nicht das Fest der einen Sprache, sondern der Vielfalt der Menschen, denen die frohe Botschaft von Gottes großen Taten verkündigt wird. Und in der Folgezeit ist es nicht so, dass sich die Apostel an einen Ort setzen und erwarten, dass alle zu ihnen kommen; vielmehr gehen sie in die Welt hinaus an viele Orte, sie zerstreuen sich über die Erde, um überall von Jesus und Gottes Liebe zu erzählen.

Aus der Pfingstgeschichte können wir ablesen, dass Gott nicht ein einheitliches Denken und Sprechen will oder braucht, sondern für die Vielfalt ist. Gott hat selbst die Vielfalt der Sprachen und  der Kulturen bewirkt, und er hat die Menschen über die ganze Erde zerstreut, damit sie viele verschiedene Eigenarten und Identitäten entwickeln können.

Zur Sprache und Kultur gehört auch die Religion, und vielleicht müssen wir sogar annehmen, dass Gott die Vielfalt der Religionen will. Was Gott sicher nicht will, ist die Durchsetzung einer einheitlichen Kultur oder Religion mit Gewalt oder Terror. Vielmehr hat Gott seinen Geist gesandt, damit die verschiedenen Menschen einander dennoch verstehen können.

Das ist das Pfingstwunder, das auch heute immer wieder geschehen kann: dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion miteinander reden können, sich verständigen können und zu einem gemeinsamen Leben in friedlichem Miteinander oder Nebeneinander finden. Pfingsten wird aber immer dort verhindert, wo einzelne ihre Meinung als allein gültige durchsetzen wollen.

Lesen wir daher die Pfingstgeschichte als Ermutigung, die Vielfalt dieser Welt als Gottes Willen zu respektieren und den anders Aussehenden, anders Redenden, anders Denkenden und anders Glaubenden mit Respekt und Freundlichkeit im Geiste Gottes zu begegnen.

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