Sonntag, 24. Juni 2012

Lebensweisheiten


Sag einfach was du denkst
Wer sich sorgt ist angespannt. Das muss nicht unbedingt ein großes Problem sein, das „auf die Schultern drückt“. Ich kenne viele Menschen, die nicht entspannt und froh in ein Gespräch gehen können. Immer setzen sie sich unter Druck. Sie meinen, sie müssten im Gespräch gut abschneiden. Sie müssten dem anderen beweisen, dass sie gebildet sind und über wichtige Themen etwas Entscheidendes zu sagen haben. Sie fühlen sich gleichsam bei jedem Gespräch vor einem inneren Richter, der sie beurteilt, ob sie auch alles gut machen. Es ist eine solche Situation, in die hinein Jesus sagt: „Macht euch keine Sorgen, wie ihr euch verteidigen und was ihr sagen sollt.“ (Lk 12,11). Sag einfach, was du denkst, was aus deinem Innern kommt. Du musst dich nicht verteidigen und rechtfertigen. Du darfst so sein, wie du bist. Trau deinem Gefühl. Wenn du nichts sagen möchtest, dann höre einfach zu. Und wenn dir Worte kommen, die du gerne zum Ausdruck bringen möchtest, dann tu es. Aber befrei dich von deinem inneren Richter. Er kostet dich zu viel Energie. Lebe einfach dein Leben.

In einer guten Hand
Sorge tötet die stärksten Menschen. So heißt es im Babylonischen Talmud, einer berühmten Sammlung jüdischer Weisheiten. Es gibt eine Sorge, die uns auszehrt und verzehrt. Sie raubt uns alle Kraft. Wer sich zu viel Sorgen macht, der hat keinen Appetit mehr. Er magert ab. Wir sehen es einem an, wenn er von Sorgen gequält wird. Aber gegen diese Sorge, die uns zu töten vermag, gibt es Heilmittel. In der biblischen Tradition ist es das Vertrauen auf Gottes Fürsorge. Gott selbst sorgt für mich, also brauche ich mich nicht von den Sorgen verzehren zu lassen. Und eine ganz konkrete Hilfe ist es, Gott meine Sorgen hinzuhalten. Das Gebet bietet die Chance dazu. Dann lösen sie sich auf oder relativieren sich zumindest. Im Gebet wächst das Vertrauen, dass ich mit meinen Sorgen in Gottes guter Hand bin.

Mit allem eins
Menschen, die nicht im Einklang mit sich selbst sind, haben Angst vor der Einsamkeit. Wenn sie allein mit sich sind, dann taucht die innere Zerrissenheit in ihnen auf. Davor möchten sie am liebsten davonlaufen. So beschäftigen sie sich ständig mit irgendetwas, um ihrer Einsamkeit auszuweichen. Das deutsche Wort „Einsamkeit“ hat jedoch in sich einen positiven Klang. Es ist zusammengesetzt aus „ein“, das nicht nur die Zahl eins meint, sondern ein Einssein. Das Verschiedene ist miteinander eins. Das Suffix „sam“ bedeutet „mit etwas übereinstimmend“. Der Einsame stimmt mit seinem Einssein überein. Er sagt innerlich Ja dazu, dass er eins ist, einzig auf dieser Welt und zugleich im tiefsten Grund allein. Doch dieses Alleinsein stört ihn nicht. Er stimmt damit überein. Denn er wei8, dass er in seiner Einsamkeit mit allem eins ist, mit sich selbst, mit den Menschen und mit Gott.

Anselm Grün: Das große Buch der Lebenskunst, Herder





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