Montag, 4. Juni 2012

Papst Benedikt: „Das Paradies ist so ähnlich wie meine Kindheit“


Fünf Fragen, fünf Antworten: In einer Feier am Samstag Abend in Mailand stand Papst Benedikt XVI. zu Fragen der Familie Rede und Antwort. Frei und ohne Manuskript antwortete er auf Fragen zu seiner eigenen Familie, zu wiederverheirateten Geschiedenen oder zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Den Anfang machte die junge Vietnamesin Cat Tien, Benedikt XVI. erzählte auf ihre Frage von seiner eigenen Kindheit und Jugend, von den Familiensonntagen und gemeinsam verbrachter Zeit. „Um die Wahrheit zu sagen, ich stelle mir vor, dass es im Paradies so sein wird, wie es in meiner Jugend war, meiner Kindheit“, so der Papst. „In dieser Umgebung des Vertrauens, der Freude und der Liebe waren wir glücklich und ich glaube, dass es im Paradies ähnlich sein muss wie in meiner Kindheit.“

Die Fragestunde war untermalt von Gesängen und von Zeugnissen gelebten Glaubens, sie prägten die fröhliche und geistliche Stimmung. Trotzdem ging es auch und vor allem um die Probleme, denen Familien in der Welt und in der Gesellschaft heute begegnen. So zog der Papst die Erzählung der Hochzeit von Kanaa heran, um den Übergang von Verliebtheit zu Liebe zu erklären: Der erste Wein reicht nicht, und es stellt sich dann heraus, das ein zweiter, gereifter Wein – die Liebe nach der Verliebtheit – viel besser ist.

Aus Griechenland kam die Frage, was der Papst Familien sagt, die vor wirtschafticher Perspektivlosigkeit die Hoffnung zu verlieren drohen. Aus den USA wollte ein Paar wissen, wie sie geistlich als Familie mit dem Stress und der Hektik des Alltags und vor allem der Arbeitswelt umgehen sollen. Und aus Brasilien legte ein Ehepaar die Frage nach wiederverheirateten Geschiedenen vor, drei Fragen, die den betroffenen Familien, aber auch der Kirche unter den Nägeln brennen und die immer auf den Tisch kommen müssen, wenn Kirche das Thema Familie anspricht.

Papst Benedikt antwortete auf alle Fragen nicht mit den schnellen Lösungen oder Vertröstungen. Für wirtschaftlich hoffnungslose Situationen forderte er die Solidarität der Anderen ein: Familien müssten sich gegenseitig unterstützen und er schlug vor, analog zu den kulturellen Städtepartnerschaften solidarische Familienpartnerschaften zu gründen. Man müsse Verantwortung füreinander übernehmen, und das schrieb er auch der Politik und besonders den Parteien ins Stammbuch: Schluss mit den leeren Versprechungen und dem Stimmenfang, es muss Verantwortung übernommen werden, vor Gott und den Menschen.

Der Papst lobte Unternehmen, die Familien einen besonderen Rang einräumten und über den Sonntag hinaus Vergünstigungen schafften, davon hätten diese Arbeitgeber dann selber auch etwas, weil es das Arbeitsklima und die Verbundenheit im Betrieb stärke. Antworten auf die moderne Arbeits- und Lebenswelt zu finden brauche Kreativität, und die sei häufig nicht einfach zu finden. Hier nehme der Sonntag eine besondere Rolle ein: Der Tag für Gott und genau deswegen auch der Tag für den Menschen. Diesen gelte es zu schützen, weil sich die Freiheit des Menschen in ihm ausdrücke, diese Freiheit dürfe nicht aufgegeben werden.

Schmerzhaft ist das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen, eine der großen Fragen der Kirche heute, so der Papst. Hier gebe es keine schnellen Lösungen. Wichtig sei vor allem, dass die Gemeinden es verstünden, solche Paare nicht auszuschließen und sie am vollen Leben der Kirche teilhaben zu lassen, auch wenn sie das Sakrament der Eucharistie nicht empfangen könnten. Auch würde hier noch einmal der Kirche vor Augen geführt, wie zentral ihre Werte von Liebe und Ehe seien, diese Paare lägen der Gemeinschaft also besonders am Herzen.

Offene Antworten auf Fragen des täglichen Lebens in Familien und Ehen in der Kirche. Und auch wenn sie nicht immer einfach waren und die Situationen, aus denen sie stammen, nicht so schnell vorbei gehen werden, so war doch während des ganzen Abends das Interesse aller – auch des Papstes – deutlich zu spüren, diese Realität der Familie und der Ehe nicht aus dem Blick zu verlieren. Der Papst stellt sich das Paradies vor wie seine Kindheit, aber er übersieht auch nicht die Realität der Familie von heute. (rv 03.06.2012 ord)

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