Samstag, 7. Juli 2012

Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat


Jesus kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab.  

Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.

Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte dort.

„Den kennen wir doch!“, sagen sie, die Leute aus Nazaret. „Seine Familie wohnt in der Nachbarschaft. Das ist der Sohn der Maria; aber er ist so anders geworden, seitdem er mit irgendwelchen Typen durchs Land zieht und eine Botschaft von einem Reich Gottes verkündet. Sogar Kranke soll er geheilt haben! Auf alle Fälle: Wir kennen diesen Jesus!“

Aber weil sie ihn so gut kennen, oder besser: so gut zu kennen glauben, trauen sie ihm nichts außergewöhnliches zu. Zimmermann, Handwerker – Schuster, bleib bei deinen Leisten! Schreiner, bleib bei deinen Balken! Der Prophet gilt nichts im eigenen Land.

Ich denke, es ist eine Mahnung, eine Warnung, die der Prophet an die Leute aus Nazareth. Die Nazarener staunen, aber eigentlich staunen sie gar nicht. Sie wundern sich bloß, dass Jesus plötzlich als Wanderprediger umherzieht und so ganz anders auftritt, als man es von ihm erwartet. Fasziniert sein von diesem Jesus, ihm begeistert und interessiert zuhören, sich auf seine heilende und wohltuende Nähe einlassen: Nein, das können sie nicht und wollen sie nicht; die Leute aus Nazaret. Vielleicht staunen auch wir nicht wirklich, weil wir das Staunen über Jesus längst verlernt haben. Wir kennen ihn doch. Seit frühester Kindheit wurden uns im Religionsunterricht und anderswo Geschichten über ihn erzählt.

Aber – die meisten Leute kennen ihn wahrscheinlich doch nicht so gut, wie sie ihn zu kennen vorgeben, was etwa der erschreckende Mangel an Glaubenswissen belegt, der sich bei religiösen Fragen in unterhaltsamen Quizsendungen oder auch in privaten Gesprächen mit Menschen auftut. Aber man meint zumindest, ihn zu kennen: Dann hört man: Jesus, ja, das ist Weihnachten, die Geschenke, das ist ein schönes Familienfest. Oster, ja, Ostern kommt der Osterhase.

Vielleicht kann er ja deshalb auch unter uns keine Wunder wirken.Vielleicht können auch wir uns manchmal in den Leuten aus Nazareth wiederfinden. Wenn unsere Glaubenspraxis zur Gewohnheit wird, wenn wir beim Beten und Singen gar nicht mehr mit denken, weil alles so bekannt ist, wenn wir den Gottesdienst einfach so an uns vorbeirauschen lassen? Wenn wir kein Gebetbuch mehr zur Hand nehmen zum mitbeten und mitsingen. Sind wir dann nicht auch wie die Menschen aus Nazareth, die sagen „Den kenne ich doch“. Oh Messe, das ist immer das selbe. Die Texte kenne ich doch. Hab ich schon sooo oft gehört.

Vielleicht ist unser Glaube genau dann in Gefahr oberflächlich zu werden, wenn wir behaupten: Ich kenne Jesus. Was man gut kennt, an das glaubt man vielleicht nicht (mehr). Das Geheimnisvolle, Faszinierende an Jesus, das neugierig macht, das uns dazu treibt, ihn näher kennen lernen zu wollen, die Aufregung über seine Gegenwart, die man vielleicht beim Empfang der Erstkommunion als Kind noch gespürt hat. Das alles kann verloren gehen, wenn man meint, ihn zu kennen.

Es ist wie in einer Ehe, wenn das wilde, romantische und zärtliche Verliebtsein des Anfangs dem Ehealltagstrott weicht. Die Eheleute müssen immer wieder um ihre Liebe ringen, sich mit Fantasie und Kreativität für das Gelingen der Beziehung einsetzen, und vor allem: nicht sich damit begnügen, was man vom anderen kennt, sondern bereit sein, sich immer wieder neu kennen zu lernen.

Wenn wir nicht wollen, dass sich der Herr über unseren Unglauben wundert, dann dürfen wir nicht sagen: Ich kenne ihn. Zum Glauben gehört nämlich das Geheimnisvolle, das Unvollendete, das Auf-dem-Weg-Sein, die Sehnsucht nach dem Ziel. Nein, wir sollten nicht sagen: Ich kenne Jesus. Vielmehr sollten wir versuchen, ihn immer wieder neu kennen lernen zu wollen, uns wieder neu in ihn zu verlieben, zu staunen über alles, was er uns lehrt und sagt, und offen werden für die Weisheit seiner Wort und die Wunder, die er auch heute noch an den Menschen wirkt.

Montag, 2. Juli 2012

Sonntag, 1. Juli 2012

Bischof Aloys Jousten begeht sein 50. Priesterjubiläum


„Ich hatte von Kindesbeinen an den Wunsch, Priester zu werden“

Von Lothar Klinges

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Im Pfarrverband Amel geht es derzeit zu wie in einem Taubenschlag. Der Anlass: Am 8. Juli jährt sich zum 50. Mal der Tag der Priesterweihe von Bischof Aloys Jousten. An diesem Tag feiert er im Rahmen eines großen Pfarrverbandsfestes unter dem Leitgedanken „Unsere Pfarren feiern. Wir sind dabei!“ in seiner Heimatpfarre Amel sein goldenes Priesterjubiläum

Auf die Frage, wie er seine Berufung entdeckt hat, antwortet Aloys Jousten: „Es war vor allem der Kontakt mit anderen Priestern und das Leben in der Pfarrgemeinde, die mich meine Berufung entdecken ließen. Schon als ich zehn Jahre alt war, sagte ich einem jungen Kaplan in Amel, dass ich Priester werden wolle. Ich bin dann zunächst Messdiener geworden und hatte viel Freude an diesem Dienst. An der Bischöflichen Schule St.Vith hat mich die Präsenz vieler Priester in meinem Wunsch und in meiner Berufung bestätigt. So entschloss ich mich dann zum Eintritt ins Seminar. Das war damals ein eher klassischer und heute ein für viele Jugendliche wohl unverständlicher Weg; es scheint ja fast unmöglich, dass jemand von Kindesbeinen an den Wunsch hat, Priester zu werden. Aber es war mein Weg.“

Priesterweihe

Am 8. Juli 1962 empfing Aloys Jousten – mit insgesamt 38 Diakonen, aus den Händen von Bischof Wilhelm-Maria van Zuylen in der Kathedrale von Lüttich die Priesterweihe und feierte am 15. Juli seine Primiz in Amel.

Von September 1964 bis Juni 1975 unterrichtete der junge Theologe am Priesterseminar in Lüttich Moraltheologie. Im Juni 1975 wurde Aloys Jousten Schulleiter des Heidberg-Instituts (heute Pater-Damian-Schule) in Eupen, das in die Trägerschaft des Bistums übergegangen war. Von 1970 bis 1985 war er Sonntagskaplan in seiner Heimatpfarre Amel.




Bischofsvikar und Bischof

Ende Juni 1985 ernannte Bischof van Zuylen den Schulleiter zum Pfarrer und Dechanten von St.Vith. Mit Pfingsten 1986 wurde er Bischofsvikar für Ostbelgien und Mitglied des Bischofsrates. Im August 1990 führte Bischof Albert Houssiau seinen Bischofsvikar als Dechant und Pfarrer in Eupen St. Nikolaus ein.

Am 2. Mai 2001 erreichte Aloys Jousten die Neuigkeit aus Rom, dass Papst Johannes Paul II. ihn aus drei vorgeschlagenen Kandidaten als Nachfolger von Bischof Albert Houssiau, ausgewählt hatte. Am 9. Mai 2001 erfolgte die offizielle Ernennung zum 91. Bischof von Lüttich. Gemäß dem kirchlichen Gesetzbuch (Codex Iuris Canonici) ist ein Diözesanbischof, der das fünfundsiebzigste Lebensjahr vollendet hat, gebeten, dem Papst seinen Amtsverzicht anzubieten, der dann nach Abwägung aller Umstände entscheiden wird.


Interview mit dem Goldjubilar, Priester und Bischof Aloys Jousten
Der Dienst des Priesters wird noch geschätzt

Wir führten aus Anlass des goldenen Priesterjubiläums ein Gespräch mit dem Priester und Menschen Aloys Jousten. Der Eibertinger, der seit elf Jahren mit Leib und Seele seine Aufgabe als Bischof ausfüllt, gilt auch über das eigene Bistum hinaus als ein Hirte, der die Nähe zu den Menschen sucht. Ungeachtet seiner mittlerweile 74 Jahre ist er täglich unterwegs zu den Menschen vor Ort.

Herr Bischof, die Menschen in ihrer Heimatpfarre freuen sich riesig auf ihr goldenes Priesterjubiläum. Was bewegt Sie als Goldjubilar angesichts der großen Freude, die in Amel und darüber hinaus lebt?
Sie lässt uns Priester erkennen, dass unser Dienst an der Kirche und damit an den Menschen noch geschätzt und anerkannt wird.

Vor 50 Jahren sind Sie zum Priester geweiht worden. War es damals leichter als heute, „Ich bin bereit“ zur Berufung zu sagen?
Ja, ganz bestimmt. Seitdem haben sich Gesellschaft, Welt und Kirche sehr gewandelt und verlangen klare Entscheidungen auf vielen Gebieten.

Was hat Sie glücklich gemacht? Was ist das Schöne und Frohmachende am Priestersein?
Ich habe nie bedauert, Priester zu sein. Im Gegenteil. Den Menschen die Botschaft Jesu verkünden, ihnen die Beziehung zu Jesus Christus ermöglichen, mit ihnen die Sakramente feiern – das ist schön und beglückend.

Was hat Sie entmutigt? Worunter haben Sie besonders gelitten? Welche schwierigen Momente haben Sie bisher in Ihrem Priesterleben durchzustehen gehabt?
Wenn der Glaube angefochten wird, wenn die Kirche zu Recht oder zu Unrecht kritisiert wird, lässt mich das nicht gleichgültig. Ich habe mehrere schwierige Zeiten gekannt und erfahren.

Welches war Ihre schönste Zeit und warum?
Ich war sehr gerne Schulleiter, weil es wunderbar ist, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung und Entfaltung zu erleben und zu begleiten.

Wie sieht Ihre persönliche Bilanz nach 50 Priesterjahren aus?
Ich bin dankbar für jeden Tag – dankbar dem Herrn, der mich berufen hat; dankbar den Menschen, für die ich Priester sein durfte und darf, dankbar für die priesterlichen Mitbrüder.

Seit 11 Jahren sind Sie nicht nur Priester, sondern auch Bischof. Was bedeutet das für Sie?
Bischof sein unterscheidet sich vom Priester sein in mancherlei Hinsicht. Als Bischof sehe ich noch besser all das Schöne und Gute, den Glauben und die Hingabe von noch mehr Menschen als in der Pfarre.

Das Ende Ihres Dienstes als Bischof von Lüttich fällt zeitlich fast zusammen mit Ihrem goldenen Priesterjubiläum. Was bedeutet das für Sie?
Es war eine gefüllte, eine gesegnete Zeit. Der liebe Gott hat es gut mit mir gemeint. Schön wär’s, wenn der Samen, den ich mit vielen anderen ausgestreut habe, irgendwie und irgendwann aufgehen würde.

Der Priestermangel macht auch vor dem Bistum Lüttich nicht Halt. Gehen wir auf eine priesterlose Zeit zu?
Es wird weniger Priester geben. Dennoch setze ich meine Hoffnung auf die Vertiefung und Erneuerung des Glaubens und damit auf einen Neustart der Kirche bei uns über kleine Gemeinschaften. Das Endresultat werden neue Priesterberufe sein.

Was verbindet Sie noch heute mit Eibertingen?
Man kann seine Wurzeln nicht vergessen, und das waren und sind auch heute noch konkrete Menschen. Sie haben dazu beigetragen, dass ich heute Priester bin.