Mittwoch, 11. März 2015

Papst Franziskus: „Alt zu sein, ist eine Berufung“


Papst Franziskus hat die alte Prophetin Anna als „erste Predigerin über Jesus“ gewürdigt. In seiner Katechese bei der Generalaudienz über den spirituellen Reichtum alter Menschen erinnerte Franziskus an diesem Mittwoch an die Stelle aus dem Lukas-Evangelium (Lk
2,29-32), als die beiden Alten Simeon und Anna im Jerusalemer Tempel dem neugeborenen Jesus begegnen. Die beiden hatten „keine wichtigeren Aufgaben als diese: auf den Herrn warten und beten“, so der Papst. Simeon sei in dieser Begegnung zum Dichter geworden, Anna zur „ersten Predigerin“ über Jesus: Sie „sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“, zitierte Franziskus die Schrift.

Der Papst lud alle Gläubigen im fortgeschrittenen Alter dazu ein, sich auf Simeons und Annas geistliche Spuren zu begeben. „Das Gebet der Alten und der Großeltern ist ein Geschenk für die Kirche, ein Reichtum! Eine Injektion der Weisheit auch für die ganze Gesellschaft: besonders jene, die zu beschäftigt ist, zu eingespannt und zu zerstreut. Jemand muss doch auch für sie singen und die Zeichen Gottes verkünden und für sie beten!“ Der Papst würdigte an dieser Stelle seinen Vorgänger Benedikt XVI., „der die Wahl getroffen hat, seinen letzten Lebensabschnitt im Gebet und im Hören auf Gott zuzubringen“.

„Alt zu sein, ist eine Berufung“, unterstrich Franziskus vor den Gläubigen auf dem Petersplatz. Es sei keineswegs die Zeit, „die Ruder ins Boot zu ziehen“. Allerdings gelte es, sich diese geschenkte Zeit des Lebens ein wenig zu „erfinden“, denn „unsere Gesellschaften sind spirituell und moralisch noch nicht dazu in der Lage“, der letzten Lebensphase „ihren vollen Wert zu geben“. Selbst die christliche Spiritualität sei „ein wenig auf dem falschen Fuß erwischt“ worden: „Es geht darum, eine Spiritualität der alten Menschen zu entwerfen“.

Franziskus, der sich selbst ausdrücklich in die Reihen der Alten stellte, zählte einige geistliche Aufgabenfelder für seine Altersgenossen auf. „Wir können dem Herrn für die empfangenen Gaben danken und die Leere der Undankbarkeit erfüllen, die ihn umgibt. Wir können für die Erwartungen der neuen Generationen eintreten und die Erinnerung an die Opfer der vergangenen Generationen würdigen. Wir können die ehrgeizigen Jugendlichen daran erinnern, dass ein Leben ohne Liebe ein trockenes Leben ist. Wir können den angsterfüllten Jugendlichen sagen, dass die Angst vor der Zukunft besiegt werden kann. Wir können die zu sehr in sich selbst verliebten Jugendlichen lehren, dass im Geben mehr Freude liegt als im Nehmen. Die Großväter und die Großmütter bilden den dauerhaften Chor eines großen spirituellen Heiligtums, in dem das Fürbitt-Gebet und der Lobgesang die Gemeinde unterstützen, die im Feld des Lebens arbeitet und kämpft.“
Das Gebet reinige auch das Herz, fuhr Franziskus fort. Lob und Fürbitte bei Gott beugten der „Verhärtung des Herzens“ vor. „Wie hässlich ist der Zynismus eines Alten, der den Sinn seines Zeugnisses verloren hat, die Jungen verachtet und keine Lebensweisheit ausstrahlt! Und sie schön dagegen ist die Ermutigung, die der Alte dem Jungen zu übermitteln versteht, der den Sinn des Glaubens und des Lebens sucht!“ Worte von Großeltern hätten „etwas Besonders“ für Jugendliche. Franziskus bekannte, dass er selbst immer einen Brief bei sich trage, den ihm seine Großmutter am Tag seiner Priesterweihe eingeschrieben zukommen ließ. Der Brief liege in seinem Brevier „und ich lese ihn oft, und er tut mir gut“. Er wünsche sich „eine Kirche, die die Kultur des Aussonderns herausfordert mit der überfließenden Freude einer neuen Umarmung zwischen Jugendlichen und Alten.“
(rv 11.03.2015 gs)

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